Trinationaler Runder Tisch zur lusitzchischen Staatskonstituierung

      Trinationaler Runder Tisch zur lusitzchischen Staatskonstituierung

      Als Konferenzort hatten die wolkowischen Gastgeber eine Staatsvilla im toskanischen Stil ausgewählt, an der malerischen Steilküste der Wolkowischen Riviera nahe Pannóniatelep gelegen. Strahlend weiße Fassade, rote Dachziegel, Säulengänge und hohe Rundbogenfenster waren für das Objekt stilgebend. Als Stadtplanerin und Architektin stellte Evelina Kertész hohe Ansprüche an ihre Aufenthaltsorte, das hatte man in der Staatskanzlei schnell festgestellt. Was sie bemerkte, diktierte sie mit der Aufforderung zur Verbesserung sofort einem Bediensteten. Dabei konnte es sich um Details wie unpassende Dachrinnen oder Glühbirnen ebenso handeln wie um schlecht designte Garagenzufahrten, weil die Abgase schlecht abzogen.

      Als die Wagenkolonne mit den khitaischen Gästen vor dem Hauptportal Halt machte, wartete die wolkowische Regierungschefin am Ende der steinernen Treppe, an deren Ende eine hohe Pforte den Eingang zur Villa markierte. „Herr Nationalpräsident, herzlich willkommen!“, begrüßte die Ministerpräsidentin ihren Gast, nachdem dieser die letzte Treppenstufe erklommen hatte. Das zugelassene Kamerateam schoss Fotos und Videoaufnahmen aus verschiedenen Perspektiven, die wenige Stunden später über die Agenturen verbreitet ihren Weg auf die Bildschirme der Welt finden würden. Kertész begrüßte an der Pforte auch die anderen Gäste mit einem Händedruck und einigen freundlichen Worten, dann führte sie sie durch das Gebäudeinnere auf die Veranda des Hauses. Marcel Hàjek, Matyáš Rosík, Jozef Přichystal und Kateřina Závodná waren dort bereits anwesend, es fand erneut eine kleine Begrüßungszeremonie statt und man genoss im Anschluss daran bei einem Glas Mineralwasser und etwas Obst den strahlenden Sonnenschein. Die kurzen Minuten des lockeren Gesprächs sollten der Akklimatisierung dienen und das anstehende formelle Gespräch angenehmer gestalten. Schließlich richtete Kertész das Wort an die Anwesenden und bat diese, ihr nun durch den Salon in den Besprechungssaal zu folgen. Jeder nahm dort seinen mit Kärtchen markierten Platz am Runden Tisch ein, im Hintergrund platzierten sich die Berater und legten fleißig Akten zurecht. Zwei Bedienstete in weißen Uniformen schauten noch einmal nach dem Rechten und erkundigten sich bei jedem der Gäste einzeln nach noch offenen Wünschen, dann verließen sie den Raum und schlossen hinter sich die hohe Flügeltüre.

      „Meine sehr verehrten Damen und Herren, Exzellenzen, geschätzter Herr Nationalpräsident. Ich bedanke mich bei Ihnen dafür, dass Sie den weiten Weg auf sich genommen haben, um mit uns die Möglichkeiten einer Verbesserung der diplomatischen Situation in Bezug auf Lusitzchien und besonders Přebytek zu besprechen. Wir alle wissen, dass es in den letzten Wochen zu auch öffentlich ausgetragenen Differenzen über Fragen kam, die Osteuridika mitunter schon seit Jahren beschäftigen. Ich möchte an dieser Stelle zum Ausdruck bringen, dass ich, trotz der Aufladung und der großen Bedeutung, die die Causa Lusitzchien für uns alle hat, nicht erfreut darüber bin, wie dies stattgefunden hat. Dass Sie meiner Einladung hierher gefolgt sind bestärkt mich in meinem Glauben, dass wir uns in dieser Einschätzung einig sind. Ich möchte aber auch ausdrücken, dass ich dem erwarteten Ausgang dieses Treffens gegenüber positiv gestimmt bin. Ich kann bei der allgemeinen Betrachtung unserer aller Ziele nicht viele Punkte entdecken, die sich nicht in Einklang zueinander bringen ließen. Herr Hájek, Herr Rosík, Herr Přichystal und Frau Závodná möchten die Lusitzchische Demokratische Republik und mit ihr alle Schrecken des Bürgerkrieges endgültig begraben, und das lusitzchische Volk in eine neue strahlende und geeinte Zukunft führen. Khitai hat großes wirtschaftliches Engagement in Südpřebytek errichtet, und viel Geld auf der Insel investiert. Wolkowien möchte seine Grenzen vor weiterer lusitzchischer Aggression gewahrt wissen, und nach Jahren der Auseinandersetzungen wieder zu einem Status friedlicher Koexistenz und guter Nachbarschaft zurückkehren. Für all das braucht es einen stabilen, marktwirtschaftlich und rechtsstaatlich verfassten lusitzchischen Staat, an dessen Aufbau wir alle gemeinsam arbeiten sollten, wenn wir unsere Ziele erreichen möchten.

      Wir haben darum ein Paket geschnürt, von dem wir glauben – erlauben Sie mir, so viel vorwegzunehmen – dass es für alle hier anwesenden Parteien Sicherheit, Vertrauen und Zutrauen schaffen wird, und dass es die erhitzte Situation merklich wird abkühlen können, damit Lusitzchien einen guten Weg für die Zukunft einschlagen kann, während Khitai und Wolkowien es dabei unterstützen und ihre Interessen handels- und sicherheitspolitischer Natur gewahrt sehen.“


      Kertész legte eine kurze rhetorische Pause ein, ehe Sie an ihren direkten Gegenüber gerichtet die Frage stellte: „Herr Nationalpräsident, möchten Sie zur Einleitung Ihrerseits noch etwas sagen, ehe ich fortfahre?“

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      Die Khitaier hörten die Ausführungen von Kertész genau zu. Als sie den Nationalpräsidenten die Frage stellte, ob er noch was zu sagen hätte, nickte dieser und erhob sich seine Stimme. "Ja, ich möchte gerne noch wenige Worte zu Beginn verlieren, bevor wir direkt zum Thema übergehen, Frau Ministerpräsidentin. Zuerst bedanke ich mich im Namen des khitaischen Volks für die Einladung zu dieser Runde. Genau wie Sie, Frau Ministerpräsidentin, bin ich optimistisch gestimmt, wenn es um die Zukunft der lusitzchischen Regionen geht. Die Menschen wollen nach all den Jahren der Konflikte Frieden. Das ist nur menschlich. Schon in der Antike haben die Menschen erkannt, dass die permanente Fortführung der Kriege und Streitigkeiten wider der menschlichen Natur ist. Konflikte verursachen Schäden. Schäden fördern Armut. Armut bekräftigt Unzufriedenheit. Und Unzufriedenheit heizt die Konflikte weiter an. Das ist ein Teufelskreis. Davon müssen wir weg, wenn die Lösung von Dauer sein soll. Wenn die dauerhafte Lösung darin aussieht, einen lusitzchischen Staatenbund zu bilden, dann wird Khitai dies mit besten Kräften unterstützen. Wenn die dauerhafte Lösung darin aussieht, einen lusitzchischen Bundesstaat zu bilden, dann wird Khitai dies mit besten Kräften unterstützen. Wenn die dauerhafte Lösung darin aussieht, einen lusitzchischen Staatenverbund zu bilden, dann wird Khitai dies mit besten Kräften unterstützen. Die Menschen verdienen eine dauerhafte Lösung. Die Differenzen, die noch vor fünf Jahren herrschten, sind Teil der Geschichte. Dort gehört sie auch hin: In die Geschichtsbücher. Wir haben drei lusitzchische Gebiete, in der demokratisch-gewählte Parlamente und Regierungen ihre Tagesgeschäfte nachgehen. In naher Zukunft sogar vier. In dem kurzen Zeitraum wurden schon mehr Errungenschaften erzielt, als in den letzten Jahrzehnten der Lusitzchischen Demokratischen Republik zusammen. Das gehört geschützt. Die Demokratie ist zwar nicht beste Regierungssystem, aber das beste, was wir zur Zeit haben. Nur funktionierende demokratische Gesellschaften können untereinander aber auch ineinander dauerhaft friedlich koexistieren. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Wie hat Präsident Hájek vor kurzem gesagt? Nie wieder Krieg, nie wieder Terror und nie wieder Leid. Wenn wir die jüngsten Differenzen außen vor lassen, denke ich, stimmt jeder hier Anwesenden den Leitspruch ausnahmslos zu. Dieses Ziel sollten wir stets im Auge behalten. Und damit übergebe ich Ihnen wieder das Wort, Frau Ministerpräsidentin", sagte er letzteres mit einem freundlichen Lächeln an Kertész gewandt. Jeder war nun gespannt, wie der wolkowische Lösungsvorschlag ausschaute.
      Kertész bedachte Kang mit einem anerkennenden Nicken gepaart mit einem höflichen Lächeln, ehe sie wieder das Wort ergriff:

      „Vielen Dank, Herr Nationalpräsident. Hinter dem, was Sie gerade sagten, können wir alle uns versammeln.“

      Dem ursprünglichen Protokoll folgend, hätten als nächstes auch die drei Regierungschefs Jugowniens, Bantice/Kunštáts und der Autonomen Region Přebytek einige Worte verlieren sollen, um ihren Status als gleichrangige Partner auf Augenhöhe hervorzuheben. Es sollte nicht der Eindruck vermittelt werden, zwei größere Mächte entschieden über die Köpfe der Lusitzchier hinweg. Kertész' Stellvertreter Bartók hatte jedoch Bedenken geäußert, dies würde den einzigen durch eine dritte Macht eingesetzten und nicht demokratisch legitimierten Anwesenden, Marcel Hájek, bloßstellen und ausgrenzen. Letztlich hatte er die Ministerpräsidentin von seiner Position überzeugen können, die seinem Bitten und Drängen nicht zuletzt wegen seiner bereits über einem Jahrzehnt währenden Erfahrung als stellvertretender Regierungschef zähneknirschend nachgegeben hatte. Hájek nicht zu brüskieren bedeute im Umkehrschluss jedoch auch, Rosík, Přichystal und Závodná weitgehend mundtot zu machen. Vor allem Matyáš Rosík, als Parteivorsitzender der rechtsnationalen Unionsdemokraten mit einer absoluten Mehrheit aus den jugownischen Gebietsratswahlen hervorgegangen, und ob dieser Tatsache noch immer vor Kraft kaum laufen könnend, hatte damit so seine Probleme gehabt, es jedoch nicht gewagt, seiner wolkowischen Hegemonin zu widersprechen.

      „Das bereits eingangs erwähnte Paket, das wir gemeinsam mit den Herrn Rosík und Přichystal und Frau Závodná ausgearbeitet haben, besteht aus einer Reihe von Willensbekundungen, auf die wir uns hier und heute verständigen können, um Lusitzchien gemeinsam in ruhige Fahrwasser zu steuern. Wir beugen uns damit der unsicheren Zukunft. Noch ist nicht klar, wie der in Třebčice ausgearbeitete Verfassungsentwurf tatsächlich aussehen wird, oder ob er vom lusitzchischen Volk auch akzeptiert wird. Wir sehen jedoch der Realität ins Auge, die uns dazu verpflichtet, schon heute gemeinsame Rahmenbedingungen abzustimmen, weil die Vergangenheit gezeigt hat, was geschieht, wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht. Darüber hinaus sind die von Herrn Rosík geführte Unionsdemokratische Partei mit 42 sowie der von Herrn Přichystal geführte Reformblock mit vier Delegierten beim Verfassungskonvent vertreten, und Frau Závodná, ohne eigene Hausmacht, hat sich der Unterstützung ihrer beiden Koalitionäre versichern lassen, die gemeinsam fünf Delegierte stellen. Davon ausgehend, dass die Kommunisten und die Liberalen keine Querfront miteinander eingehen werden, reicht dies für eine Mehrheitsbildung aus.

      Wie
      über die Medien am 2. Juli lanciert, sind die Grundzüge der neuen lusitzchischen Verfassung bereits erkennbar. Auf dieser Grundlage möchten wir Folgendes zur Disposition stellen:
      1. Herr Hájek garantiert in der Republik Přebytek die friedliche und korrekte Abhaltung des Referendums zum Verfassungsentwurf.
      2. Frau Závodná hat ihren Willen erklärt, bei den Wahlen des Staatsoberhauptes des neuen Unionsstaates zu kandidieren. Ihr derzeitiges Amt als Gebietsgouverneurin der Autonomen Region Přebytek endet turnusgemäß im Sommer 2023, sie ist parteilos und hat es geschafft, in Přebytek über Parteigräben hinweg eine Koalition aus Konservativen und Sozialdemokraten zu schmieden und diese vier Jahre lang geräuschlos zu führen. Wir können uns niemand geeigneteren für die Rolle des ersten Staatsoberhauptes des demokratischen Lusitzchien vorstellen, und möchten, dass Herr Hájek ihre Kandidatur unterstützt.
      3. Wolkowien eröffnet eine Gesandtschaft in der Republik Přebytek, Khitai seinerseits in der Autonomen Region Přebytek. Beide Staaten eröffnen nach seiner Bildung Botschaften in der neuen Hauptstadt des lusitzchischen Unionsstaates und erkennen diesen diplomatisch an. Die wolkowische Botschaft in Přebytek und die khitaische Botschaft in Roztoky werden dann zu Gesandtschaften herabgestuft.
      4. Wolkowien entfernt Herrn Hájek nach seiner ordnungsgemäßen Wahl zum Regierungschef der Republik Přebytek von der Sperrliste und erkennt ihn in seinem Amt als solchen an.
      5. Angesichts seiner herausragenden Erfahrungen auf diesem Gebiet durch das Přebytek Recovery Program hat Frau Závodná ihren Wunsch geäußert, Herrn Hájek zum Handelsminister des neuen Unionsstaates zu berufen. Wie es der Verfassungsentwurf in seiner jetzigen Form vorsieht, würde Herr Hájek dieses Amt zusätzlich zu seiner Funktion als Regierungschef der Republik Přebytek ausüben, und wäre federführend bei der Leitung der gesamtlusitzchichen Handelspolitik.
      6. Der lusitzchische Unionsstaat wird nach seiner Gründung in die Osteuridische Union für Gemeinsame Ökonomische Entwicklung aufgenommen. Dadurch werden beiderseits sämtliche Handelszölle zu Wolkowien aufgehoben.
      7. Frau Závodná wird sich für die Achtung des Přebytek Recovery Programs engagieren, sodass es auch nach Gründung des neuen Staates ohne jedes Hindernis fortgeführt werden kann. Darüber hinaus hat sie ihren Wunsch geäußert, dass ein gesamtlusitzchisches Zollabkommen mit Khitai geschlossen wird, das die Aufhebung jeglicher Handelszölle vorsieht. Dies würde dann Herr Hájek in seiner Rolle als Handelsminister präzisieren und aushandeln.
      8. Um dem neuen Unionsstaat eine wirtschaftlich gedeihliche Zukunft und einen guten Zugang zu den Märkten zu ermöglichen, wird das Wolkowische Reich dem Land umfangreiche Unterstützung zuteilwerden lassen. So werden wir bei der Wolkowischen Investitionsbank ein garantiertes Haftungskapital in Höhe von 30 Milliarden Dollar hinterlegen, um dem Unionsstaat die Aufnahme von zinsgünstigen Krediten zu erlauben. Die Rückzahlung der Reparationssumme aus dem Friedensvertrag von Ártér wird zum 01.01.2023 für ein Jahr zinslos gestundet. Darüber hinaus wird Wolkowien lusitzchische Staatsanleihen in Höhe von 14 Milliarden Dollar über deren Nennwert erwerben, um dem Unionsstaat unmittelbar Geldmittel zur Verfügung zu stellen, mit denen er arbeiten kann. Wir würden ähnliche Maßnahmen Khitais begrüßen. Wir dachten beispielsweise daran, Khitai könne im Jahr 2023 einen Prozentpunkt aller anfallenden Zinsen auf neu aufgenommene Kredite zu übernehmen, um die Tilgungslast für den Unionsstaat niedrig zu halten.“
      Nachdem sie mit der Liste geendet hatte, legte Kertész ihren kleinen Notizzettel beiseite, und fuhr wieder fort, frei zu sprechen.

      „Sie wissen, dass es sich wegen der vielen Unbekannten lediglich um Absichtserklärungen handeln kann. Sollte etwa Frau Závodná mit ihrer Kandidatur für das Amt der Staatschefin keinen Erfolg haben, könnte sie Herrn Hájek auch nicht zum Handelsminister berufen. Wir wissen auch noch nicht, wie die lusitzchische Verfassung im Detail aussehen wird. Aber wir halten es für das Gebot der Stunde, die aufgekommenen Unstimmigkeiten zwischen allen hier Anwesenden schon heute zu lindern, und es hindert uns nichts daran, nachträglich Konsultationen vorzunehmen und damit auf etwaige Änderungen zu reagieren.“

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      Die khitaischen Delegierten hörten die wolkowischen Ideen zur Beseitigung der lusitzchischen Frage aufmerksam zu. Niemand verzog eine Miene. Weder konnte man deuten, ob sie die Punkte für gut befanden oder sie die Punkte unbrauchbar fanden. Es herrschte kurzes Schweigen, als die Ministerpräsidentin geendet hatte. Der Blick vom Nationalpräsidenten wanderte zum amtierenden Präsidenten über die Republik Prebytek herüber. "Wären Sie damit einverstanden, Präsident Hájek? Beziehungsweise können Sie als Regierungschef über die Republik Prebytek und als Handelsminister über den künftigen lusitzchischen Unionsstaat gleichzeitig den Ämtern entsprechend gebührend dienen?" Dieser nickte nur bejahend dem khitaischen Präsidenten zu. "Nun gut, dann müssen Sie nur noch die Wahlen gewinnen und versuchen, eine Mehrheit im Regionalparlament zu erhalten." Anschließend wandte er sich den anderen zu. "Die Republik Khitai ist offen für etwaige Handelsbeziehungen. Das war es seither. Sobald der Unionsstaat ausgerufen wird und einer Verfassung unterliegt, die die Souveränität des Staatsgebildes, die Freiheit der Menschen und die demokratische Grundordnung beinhaltet, ist die Republik Khitai gewillt, das Prebytek Recovery Program (PRP) einem für ganz Lusitzchien zugeschnittenes Konjunkturprogramm unterzuordnen. Die Teilrepubliken des Unionsstaates werden zwar nie so viel bekommen, wie die Republik Prebytek in der Summe, aber ist besser als gar nichts, behaupte ich einfach mal. Hierfür haben wir die ersten groben Ideen gesammelt. Darunter fällt die Bereitstellung von zinsfreien Krediten in Höhe von 20 Milliarden VSD dem Unionsstaat. Mit den Geldern könnt ihr die zivile Infrastruktur auf Vordermann bringen oder eure Schulden abbezahlen. Die einzigen Bedingungen wären, dass das Geld nur im Zivilwesen und niemals für die Wiederbewaffnung eingesetzt, äquivalente Sicherheiten bereitgestellt und das Geld bis zu einem bestimmten Stichtag wieder zurückgezahlt wird. Wie die Sicherheiten genau aussehen, ist uns auf erster Linie gleich: Das können Schrott sein, Rohstoffe, Fahrzeuge, Wertpapiere oder Immobilien sein. Den Nationalräten und dem Nationalkongress interessieren sich nicht für solche Kleinigkeiten. Die Details handelt das Handelsministerium sowieso später mit der Entwicklungsbank von Khitai im Detail selbst aus. Bei mehr als 20 Milliarden VSD wird die Entwicklungsbank einen Prozentpunkt aller anfallenden Zinsen übernehmen. Es gibt auch Diskussionen darüber, khitaische Berater und desgleichen in die lusitzchischen Gebiete zu entsenden, um bei der Modernisierung der Industrie und desgleichen zu unterstützen; so wie wir es aktiv in der Republik Prebytek schon jahrelang handhaben. So der Ausblick. Bisher gibt es aber noch ein Problem." Sein Blick richtete sich auf Gouverneurin Závodná. "Wir bitten darum, dass die Sanktionen auf khitaische Chemieerzeugnisse durch die Autonome Region Prebytek fallen gelassen werden. Immerhin hält selbst Astoria nicht einmal selbst diese Sanktionen aufrecht, worauf sich Ihr Gesundheitsministerium bezogen hat. Mittlerweile sind unsere Chemiehersteller in Astoria tätig - zumindest so weit, wie es die VS-Sanktionen aktuell zulassen. Das ist unsere Vorbedingung für das khitaische Konjunkturpaket für den gesamten lusitzchischen Unionsstaat. Oder was würde dagegen sprechen?", fragte Yan Kang mit einer ruhigen Stimme. Die Wolkowen kannten die khitaische Stellung hierzu. Für die Nationalräte wäre das was einfaches und umso größer war das Unverständnis für sie, weshalb die Autonome Region die Sanktionen noch immer aufrecht erhielten. Zumindest hier wollte man endlich ein Schlussstrich ziehen. "Ich frage mich noch folgende Dinge: Welche Rollen übernehmen Matyáš Rosík und Jozef Přichystal in der künftigen Regierung? Wie sieht die Verteilung von Minister- und Staatssekretärämtern im Bezug auf die Gebiete aus? Entscheidet man nach der Einwohnerzahl, Wirtschaftskraft der Gebiete im Unionsstaat oder Sympathie des Regierungschefs für diese Persönlichkeiten? Letzteres könnte auch dazu begünstigen, dass nur drei Männer oder Frauen aus anderen Gebieten stammen, während der Regierungschef die anderen Plätze für seine Kollegen aus seinem Gebiet belegt. Und wer könnte aktuell noch sich gegen Frau Závodná bei der Wahl um den Staatsoberhauptposten aufstellen lassen? Gibt es da schon Kandidaten?"
      „Herr Nationalpräsident, wir alle wissen Ihre Großzügigkeit sehr zu schätzen.“, bedankte sich Kertész stellvertretend für die lusitzchischen Anwesenden für die Bereitschaftserklärung zur Vergabe eines zinslosen Kredites sowie der Übernahme anfallender Zinslasten, und das Dreigespann nickte dem Khitaier anerkennend zu.

      „Ich habe mir Ihre Punkte notiert, und halte es für sinnig, wenn wir diese nacheinander besprechen. Beginnen wir mit dem ersten Punkt, dem Einfuhrstop für chemische Erzeugnisse aus Khitai in die Autonome Region. Frau Gouverneurin, wenn Sie sich bitte zum Sachverhalt äußern möchten.“

      Závodná räusperte sich kurz und setzte ein breites Lächeln auf: „Ich wäre selbst noch auf dieses Thema zu sprechen gekommen, denn es gibt gute Neuigkeiten. Ich habe mir vor meiner Abreise bei Frau Gesundheitsministerin Melikov die Bestätigung eingeholt, dass man in ihrem Ministerium nach jüngsten Probenüberprüfungen keinerlei Anhaltspunkte mehr feststellen konnte, die eine Verlängerung des Einfuhrstopps für chemische Erzeugnisse khitaischen Ursprunges rechtfertigen. Eine entsprechende Presseerklärung wird noch in diesem Monat veröffentlicht werden, alle Einfuhrbeschränkungen fallen dann zum ersten September. Allerdings möchte ich Sie bitten, Herr Nationalpräsident, dass Ihre offiziellen Stellen in diesem Zusammenhang Abstand von der Formulierung nehmen, es habe sich bei den Einfuhrbeschränkungen um Sanktionen gehandelt. Das Gesundheitsministerium hat diese aus Verbraucherschutzgründen verhängt, weil es ernsthafte Bedenken wegen der Gesundheitsverträglichkeit gab. Eine Sanktion hingegen wäre ein unfreundlicher Akt meiner Regierung gegen die Ihre gewesen, und so etwas möchten wir nicht zwischen uns stellen.“

      Ihre moderierende Funktion einnehmend, fragte die Ministerpräsidentin an den Nationalpräsidenten gerichtet: „Sind Sie damit einverstanden?“

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      „Dann kommen wir zum nächsten von Ihnen angesprochenen Punkt, der Zuteilung der Ministerposten des Unionsstaates und der Rolle der Herren Rosík und Přichystal in der künftigen Regierung. Wie lanciert, sollen über die neue Verfassung die fünf Ministerposten des Unionsstaates dem Staatspräsidenten sowie den vier Unionsrepubliken vorbehalten sein, wobei der Staatspräsident über die Ernennung entscheidet und selbst in Personalunion ein Ressort führt. Wenn Herr Hájek das Handelsministerium übernehmen wird, verblieben die Ministerien für Äußeres, Verteidigung, Finanzen und Energie zur Disposition. So diese Konstellation denn zustande kommt, haben Herr Rosík Interesse für das Verteidigungsministerium und Herr Přichystal für das Finanzministerium bekundet, während Frau Závodná ihr Zugriffsrecht auf das Außenministerium geltend machen möchte. Das Energieministerium würde durch die Regierung der Autonomen Region Přebytek besetzt werden. Wahrscheinlich ist, dass der nach dem Wechsel von Frau Závodná auf die Unionsstaatebene noch zu bestimmende neue Gebietsgouverneur diesen Posten bekleiden wird, es kann sich jedoch auch um jede beliebige von der Regierung bestimmte Person handeln. Stellvertreter und Amtsträger, die der von Ihnen erwähnten Funktion eines Staatssekretärs wohl am nächsten kämen, würden von den jeweiligen Ministern in Eigenregie ernannt. Die Entlassung eines Ministers soll nur durch den Staatspräsidenten erfolgen können.

      Was die Kompetenzen dieses Unionsstaatskabinettes anbelangt, soll es zwar eigenständig agieren können, seine Entscheidungen jedoch parlamentarischer Absegnung unterliegen. Alle Außenverträge sollen durch den Unionsrat, in dem die vier Regierungschefs der Unionsrepubliken zusammentreten, gebilligt werden müssen, und erst durch die Unterzeichnung des Staatspräsidenten Gültigkeit erlangen. Gesetze und Erlasse der Unionsstaatsminister sollen ebenfalls den Unionsrat sowie den Kuriatsrat durchlaufen. Letzterer soll in eigenen Wahlen bestimmt werden, und jeder Unionsrepublik stünden ihrer Einwohnerzahl entsprechend Sitze zu.

      Alle Belange, die nicht per Verfassung durch die Unionsrepubliken und den Unionsstaat gemeinschaftlich geregelt werden, sprich beispielsweise öffentliche Verwaltung, Bildung, Kultur, Justiz, Verkehr, Wirtschaft, Arbeit, Sport, Gesundheit oder Umwelt, sollen als jura singulorum alleinige Angelegenheiten der Unionsrepubliken sein. Der Unionsstaat weist damit eher Merkmale eines Staatenbundes denn eines Bundesstaates auf, um einerseits nicht die Fehler der zaristischen und kommunistischen Zentralverwaltungen zu wiederholen, und andererseits dem in den letzten Jahren in den Landesteilen gereiften Wunsch nach größerer Selbstverwaltung Rechnung zu tragen.

      Beantwortet das Ihre Frage, Herr Nationalpräsident?“

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      "Ich denke, damit wären für uns alle Fragen beantwortet" sprach der Khitaier, ehe er, erschrocken darüber, wie schnell doch die Zeit verging, auf die Uhr blickte. "Aber ich denke, wir sollten für heute Schluss machen. Es ist bereits 22Uhr. Damit verabschiede ich mich auch aus diesen Gesprächen. Sie waren für uns äußerst ergiebig und für uns sind damit alle Fragen beantwortet, weswegen wir dann auch morgen abreisen werden. Ich denke, Herr Hajek wird die Gespräche auch ohne unsere Hilfe erfolgreich beenden können und daher ist unsere Anwesenheit nicht mehr notwendig." Mit diesen Worten wurde auch das Ende des ersten Verhandlungstages eingeleitet. Die Khitaier verließen den Verhandlungsort am folgenden Tag und Hajek führte die Gespräche nun alleine fort.

      Nach dem Frühstück und einer standesgemäßen Begrüßung konnten die Verhandlungen nun auch fortgesetzt werden. "Nun meine Damen und Herren, ich habe die Nacht nochmal über ide Punkte von gestern nachgedacht. Grundsätzlich würde ich dem allen zustimmen, ich würde aber gerne noch ein paar Punkte ergänzen: Die Republik Prebytek hat seit dem Zerfall Lustitzchiens viel durch machen müssen, vor allem auch aus Folgen der Jahrelangen Fehlwirtschaft Lustitzchiens. Ich kann für alle Bewohner der Insel sprechen, wenn ich sage, so etwas möchte niemand mehr erleben. AUs diesem Grund würde ich gerne für Prebytek mehr Autonomie. Neben den genannten Ministerien Bildung, Kultur, Justiz, Verkehr, Wirtschaft, Arbeit, Sport, Gesundheit oder Umwelt wäre es mir ein Anliegen, wenn die Unionsrepublik Prebytek, wie es dann ja heißen wird, auch eigene Ministerien für die übrigen fünf Ministerposten bekommt. Diese würden dann natürlich unter den Ministerien des Unionsstaates laufen und geführt werden, sodass man nicht völlig wiedersprünchliche Gesetze machen kann, allerdings würde das der Prebytekischen Bevölkerung mehr AUtonomie und SIcherheit geben. Ich denke, Sie verstehen alle, wieso meine Bevölkerung etwas in Sorge darum ist. Die letzten Jahre waren mit die schlimmsten der Geschichte für die Insel in der jüngeren Vergangenheit."
      Hajek überlegt noch, ob er nicht was vergessen hätte, dann erwähnte er es "Wenn sie so fragen, ja, da gäbe es noch etwas: Wie erwähnt hätte ich für Prebytek unter anderem ein eigenes Verteidigungsministerium. Unter diesem Prebytekischen Ministerium soll die Unionsrepublik Prebytek dann eigene Streitkräfte führen dürfen, die dann unter dem Prebytekischen Ministerium stehen, welches unter dem Lustichischen steht, somit also vom Unionsstaat auch kommandiert werden können, allerdings auch Unabhängig davon agieren können."
      Kertész nickte. „Ihre Forderungen sind akzeptabel. Sie decken sich mit dem zur Abstimmung stehenden Verfassungsentwurf. Die Republik Přebytek wird im Rahmen ihrer Reservatrechte Ministerien egal welchen Ressorts und eigene Streitkräfte mit jeweils eigenem Budget unterhalten können. Das Unionsstaatsrecht gilt jedoch stets über den Gesetzen der Unionsrepubliken, und im Kriegsfall geht die Befehlsgewalt über die přebytekschen Streitkräfte an das Staatsoberhaupt der Union über. Haben wir also eine Vereinbarung?“

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      „Hervorragend.“, antwortete Kertész, und warf einem der am Raumende warteten Bediensteten einen vielsagenden Blick zu. Der Bedienstete machte auf dem Absatz kehrt, öffnete die zweiflüglige Tür und wenige Augenblicke später traten zwei andere Bedienstete mit Tabletts auf den Armen in den Saal ein. Jedem der Anwesenden wurde ein wolkowischer Schaumwein aus der Pomázer Region angeboten, nach Wahl auch alkoholfrei. Nachdem alle versorgt waren, erhob sich Kertész und führte ihr Glas leicht erhoben den anderen Teilnehmern entgegen, um einen Toast auszusprechen.

      „Meine Dame, meine Herren. Wir haben heute nichts weniger erreicht als eine Einigung, die nach Jahren der inneren Zerrissenheit den Weg für eine Wiederherstellung eines lusitzchischen Nationalstaates ebnet, in dem Millionen Menschen frei von Unterdrückung, Indoktrination und Verfolgung ihre Leben selbstbestimmt führen können. Wir haben den Weg geebnet für Demokratie, Menschenwürde, Menschenrechte und Freiheit in Lusitzchien. Stoßen wir an auf die glorreiche Zukunft des lusitzchischen Volkes!“

      Für Kertész stellte eine Einigung in der Lusitzchienfrage einen herausragenden außenpolitischen Erfolg dar. Einen Erfolg, der sich für sie noch als überlebensnotwendig entpuppen könnte. Sicher würde die durch Wolkowien erzielte Wiedervereinigung und Demokratisierung Lusitzchiens, und damit effektiv die Einhegung und Beruhigung der Westflanke des Reiches, die innerparteilichen Attacken gegen sie und die innenpolitischen Krisen nicht aus der Welt räumen können, doch Außenpolitik spielte im wolkowischen politischen Diskurs stets eine herausragende Rolle. Würden die zum Jahresanfang 2023 veröffentlichten Arbeitsmarkt- und Wirtschaftsdaten für das vierte Quartal 2022 die erhofften äußerst positiven Signale aussenden, könnte es der jungen Ministerpräsidentin gelingen, zum Wahlkampfauftakt für die Nationalparlamentswahl im Mai wieder einigermaßen fest im Sattel zu sitzen.

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