Das Leuchten der Sterne

    • Ereignis

      Das Leuchten der Sterne


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      + 21.09.2021 | 22:30 Uhr Ortszeit
      + Nord-Westküste von Inana | Nahe der Stadt Akkhra
      + Ruhig See | Keine Bewölkung | Kein Niederschlag | 18°C
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      Abduhla saß ruhig in den Dünen und beobachtete die Sterne über sich. Die Lichter von Akkhra, einer kleinen Hafenstadt hier an der Nord-Westküste Inanas waren nicht stark genug um mit ihrem Schein die Dunkelheit um ihn komplett zu nehmen. Er zeigte mit dem Finger auf einen besonders hellen Stern: "Das dort, dass ist Kochab. Er ist der Stern des Nordens der nie seine Position verändert. Es ist egal ob Du auf dem Meer bist oder in der Wüste, er ist immer dein Fixpunkt. Mit seiner Hilfe weißt Du wo in der Wüste Westen und und auf dem Meer wo Osten somit die Küste ist." Der kleine Junge neben ihm nickte zustimmend und Abduhla lächelte leicht.

      "Abduhla, es geht los. Komm endlich!", war eine Stimme von unterhalb der Dünen am Strand zu vernehmen. Die Strahlen von Taschenlampen verrieten ihre Position und Abduhla blickte den Jungen an: "Said ich muss los, aber ich bin bald wieder zurück. Geh nach Hause und pass auf deine Mutter auf. Versprich es mir." Der Junge nickte und antwortete nur kurz mit einem Ja. Dann umarmten sich beide und der Junge rannte in die Richtung von mehreren kleinen Hütten, die etwas weg vom Strand lagen. Abduhla selbst nahm das Gewehr was neben ihm lag in die Hand und schritt die Dünen hinunter.

      "Omar, wie viele sind es heute?", fragte er einen hochgewachsenen und drahtigen Schwarzinanaer. "120 Seelen. Wir haben sie auf zwei Boote verteilt und jeweils einer von uns nimmt eines in Schlepp." Der Inanaer nickte zustimmend: "Gut, gut. Möge Allah mit uns sein und uns gute Winde bescheren." "In shaa‘ allah.", antwortete Omar kurz. Beide blickte die anderen Männer an, die ihre Motorboote zu Wasser gelassen hatten und die großen Schlauchboote in Schlepp. "Es geht los!"

      Die Boote beschleunigten langsam nach dem alle an Bord waren und die Seile strafften sich. Ein Ruck ging durch die Schlachboote und man gewann langsam an Fahrt als man die Brandung verließ. Die Lichter wurden gelöscht, denn man wollte keine Aufmerksamkeit erregen. Auch wenn die Polizei von Akkhra auf ihrer Gehaltsliste stand, so mussten sie doch immer einmal wieder einen Erfolg vermelden können. Und er Abduhla wollte nicht, dass dies heute Nacht war.


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      + 23.09.2021 | 17:30 Uhr Ortszeit
      + 860 Seemeilen Nord-Westlich der Inanaischen Küste
      + Ruhig See | Leichte Bewölkung | Kein Niederschlag | 26°C
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      "Goldkehlchen an Mutterschiff, haben zwei Boote im Blick.", gab der Pilot des Helikopter an das Patrouillenschiff weiter. "Wie viele Personen an Bord?" "Keine genauen Angaben möglich. In grob würde ich auf etwa einhundert Person schätzen." "Verstanden, Umkreisen Sie die Boote wir sind auf dem Weg. Der Kommandant des großen Patrouillenschiffes legte den Hörer wieder auf und schüttelte den Kopf. "Das ist das fünfte Mal in sechs Tagen. Was sollen wir tun?", fragte der erste Offizier. "Das Wetter ist gut, kein Sturm oder Regen. Aber was sollen wir denn machen außer helfen? Informieren Sie die Basis in Skjørd und bitten sie um Verstärkung. Wir brauchen ein zweites Schiff hier, was uns unterstützt."

      Die Anfahrt zu den beiden Booten dauerte nur knapp fünfzehn Minuten und man begann umgehend Beiboote abzulassen und überzusetzen. Einige der Menschen sprangen direkt über Bord unversuchten schwimmend zu den knallrot gestrichenen Beibooten zu gelangen. "Machen Sie langsam, sie werden alle gerettet. Bitte bleiben Sie auf den Booten, wir schleppen sie ab!", verkündete der erste Offizier, welcher die Operation leitete, erst auf Columbisch und dann auf Elysisch, die beiden Hauptsprachen die auf Inana gesprochen und verstanden wurden durch die koloniale Vergangenheit.

      Die Bergung gestaltete sich als schwieriger als angenommen. Mehrere Menschen waren bereits tot oder so sehr geschwächt, dass man ihnen kaum noch helfen konnte. Anscheinend trieben die Boote schon eine Weile hier draußen, seit man den Notruf aufgefangen hatte. Man hatte eigentlich ein havariertes Schiff erwartet, doch dies war die neueste Taktik der Menschenschmuggler auf Inana. Sie täuschten die Havarie eines Schiffes vor und sorgten so dafür, dass zivile Schiffe darauf reagieren mussten. Auch die voorlantische Küstenwache auf den Spaarn-Inseln reagierte natürlich und entsendete ein jedes Mal ein Schiff, wenngleich sich die Notrufe sehr weit von den Inseln weg befanden. Doch sie kamen näher und das wussten die Schmuggler auch. Sie appelierten damit an das Gewissen der Menschen und das sie die Menschen retten und aufnehmen mussten. Doch so langsam füllten sich die Notunterkünfte auf den Spaarn Inseln mit Flüchtlingen, die ein Anrecht darauf hatten einen Asylantrag zu stellen. Und dies meldete der Gouverneur der Insel auch an das Innenministerium mit der Bitte um Unterstützung.

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      + 25.09.2021 | 13:00 Uhr Ortszeit
      + Innenministerium
      + Polarnacht | Tiefe Wolkendecke | Kein Niederschlag | 4°C
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      Nordsoon blickte auf die Informationen die vor ihm lagen und rieb sich mit beiden Händen das Gesicht um sich dann in den Stuhl zurück fallen zu lassen. "Von wie vielen Booten sprechen wir hier genau?" "Insgesamt 16 Boote in den letzten 5 Tagen mit mehr als 1.000 Flüchtlingen an Bord.", antwortete der Innenminister und legte das Blatt aus der Hand bevor er anfügte: "Mehr als 120 waren schon tot und wir wissen nicht wie viele vielleicht über Bord gegangen sind." Der Hærmann nickte und überlegte kurz bevor er weiter fragte: "Warum trifft es uns jetzt?" Der Innenminister blickte den Offizier der Küstenwache an. Dieser zuckte mit den Schultern: "Einerseits ist das Wetter im Moment in der Region sehr gut. Keine Stürme, keine hohen Wellen nur Sonne und bis zu 40 Grad Celsius. Andererseits plädieren sie sicherlich auf unsere Hilfsbereitschaft."

      Der Hærmann zog die Augenbraue hoch: "Inwiefern? Wenn ich das hier richtig lese ist es meist Zufall das unsere Schiffe so nah an der Inanaischen Küste waren." Der Offizier schüttelte den Kopf: "Nein, das ist leider nicht korrekt. Alle unsere Schiffe haben auf Notrufe reagiert. Diese waren, wie sich heraus stellte in allen Fällen gefälscht. Aber nicht nur wir, auch Handelsschiffe anderer Nationen waren an der Rettung beteiligt. Allerdings sind wir das einzige Land, welches sich mit staatlichen Schiffen beteiligt. Laut dem offiziellen Asylrecht müssen wir allen Aufgenommenen ein offizielles Verfahren gewähren." "Aber wäre es nicht einfacher die Menschen zurück nach Inana zu schaffen? Was ist mit den Behörden in diesem Bereich." Der Innenminister räusperte sich kurz: "Nunja, die Staaten dort, wenn man sie so nennen kann, sehen das nicht als ihr Problem. Einerseits finden die Rettungsmaßnahmen in internationalen Gewässern statt und andererseits sind es keine ihrer Staatsbürger. Somit wollen sie kein Geld dafür ausgeben und nehmen uns die Menschen quasi nicht ab."

      Schnaufend erhob sich Nordsoon und ging zum Fenster und blickte nach draußen. Am Horizont zeichnete sich eine schmale helle Linie ab, welche die Position der Sonne zu dieser Jahreszeit anzeigte. Sie ging nie auf für mehrere Monate und daher brannten unter ihm auch die Straßenlampen. "Wir schicken einen Gesandten zu ihnen. Ich will, dass wir mit ihnen sprechen wie wir die Menschen nach der Rettung wieder zu denen zurück bringen. Wir können nicht ganz Inana aufnehmen." "Ich informiere das Außenministerium." "Was machen wir mit den Geretteten auf den Spaarn Inseln? Das temporäre Lager berstet aus allen Nähten und die Lage verschlechtert sich täglich." "Bringen sie sie nach Weestland auf dem Luftweg.

      Und das Verteidigungsministerium soll einen Satelliten über der Region in Stellung bringen. Wir brauchen Bilder und Informationen. Wenn wir einen Gesandten schicken will ich, dass wir ihnen die Pistole auf die Brust setzen können."
      Nordsoon drehte sich wieder zum Fenster und war sichtlich missmutig. Endlich klärte sich die Lage mit Resteuridika und nun kamen neue Probleme auf ihn zu. Man könnte denken er ziehe das magisch an.

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      + 29.09.2021 | 9:00 Uhr Ortszeit
      + Verteidigungsministerium
      + Polarnacht | Tiefe Wolkendecke | Kein Niederschlag | 6°C
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      "Wir haben einen Satelliten die Region mehrfach überfliegen lassen.", berichtete der Verteidigungsminister und ließ mehrere Bilder auf dem großen Monitor erscheinen. Diese zeigte Großaufnahmen und mehrere detailiertere, vergrößerte Ausschnitte. "Dank der Kollegen der Küstenwache, welche die Flüchtlinge befragt hatten, konnten wir die Stelle an der Küste eingrenzen. Sie sind meist nahe der Stadt Akkhra gestartet.", er ließ einen roten Punkt mit einem Laserpointer erscheinen und umkreiste es auf der Aufnahme. "Dies ist die Stadt. Hier sehen Sie den Hafen, die alte Festung und hier die eigentliche Stadt." "Haben wir weitere Informationen? Akkhra sagt mir zwar irgendwas aber nichts Konkretes.", fragte Nordsoon nach.

      Der Verteidigungsminister nickte einem Staatssekretär des Außenministeriums zu und dieser setzte ein: "Akkhra ist die Haupstadt des gleichnahmiges Sultanat Akkhra. Es liegt an der nord-westlichen Küste Inanas und umfasst ein Staatsgebiet von etwa nur eintausend Quadratkilometern. Es erstreckt sich knapp 30 Kilometer entlang der Küste und circa 80 Kilometer ins Landesinnere. Die Bevölkerungszahl wird um die 150.000 Menschen geschätzt. Seit 1994 wird es von Sultan Hassan IV regiert, welcher von einem Ältesten- und Glaubensrat beraten wird. Er hat den Thron von seinem Vater übernommen, welcher das Gebiet erobert und für souverän erklärt hat. Das Land, wenn man es so nennen will ist von einem Großteil der Staaten der Welt nicht anerkannt, ebenso wie ein Großteil der umgebenden halbstaatlichen Gebilde in der Region." Nordsoon nickte und meinte: "Das erklärt warum ich noch Nichts davon gehört habe." "Nunja, Akkhra verfügt über ein großes Vorkommen an Edelsteinen und Bauxit. Letzeres wird in nennenswerten Mengen gefördert. Allerdings verfügt das Land nicht über einen Seehafen um es exportieren zu können, ist aber an das westinanaische Schienennetz angeschlossen. Es exportiert die Rohstoffe daher vornehmlich und kreiert somit Deviseneinnahmen. Daneben betreiben die Menschen Fischfang und Landwirtschaft zur Eigenversorgung. Dazu kommen indirekte Einnahmen durch die Schleusung von Migranten und Drogen."

      "Drogen?", fragte der Hærmann etwas erstaunt nach. Der Verteidigungsminister blickte eine junge Frau an die Nickte und sich räusperte: "Ja Sir Drogen." "Und Sie sind?" "Dana Johannsen. Ich bin hier als Vertreterin des Auslandsnachrichtendienstes. Nun, diese Region Inanas ist für Euridika das was die Caribic für Aleta und Arkadien ist. Ein nicht unerheblicher Teil der Drogen von Inana wird mit Fischerbooten oder Schnellbooten nach Norden gebracht. Teilweise bringen sie auch Drogen an Bord von Handelsschiffen die das Seegebiet in Richtung Euridika queren. Einige dieser Drogenkuriere operieren auch auf oder nahe der Spaarn-Inseln. Sprich sie sind auch unser Problem."

      "Gut. Was haben die Satelliten noch ergeben?" "Nicht viel. Es gab Boote am Strand, allerdings können dies Fischerboote oder Ähnliches sein. Dazu einige Trawler im Hafen sowie einige kleine Frachtschiffe. Schmuggler oder Drogendealer aus dem All zu erkennen funktioniert nur in den Arcadischen Actionfilmen. Wir können leider nicht live in eine Übertragung hineinzoomen und die Uhren der bösen Buben ablesen." Nordsoon und die anderen Anwesenden lächelten leicht. "Wie verlässlich sind die Informationen des Geheimdienstes? Können wir diese beim Sultan einreichen?" "Das Land rangiert nicht unter den am wenigsten korrupten Ländern der Welt. Es mag sein, dass der Sultan nichts davon weiß, wohl aber wahrscheinlich die Sicherheitsbehörden. Eventuell ist die Polizei darin verwickelt oder andere Regierungsstellen. Mit Geld kann man dort nahezu Alles möglich machen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der Sultan es abstreiten wird und als Propaganda gegen ihn abtut." Der Hærmann nickte erneut.

      "Nun wir könnten es auf einem anderen Wege probieren.", warf der Vertreter des Außenministeriums ein. "Schießen Sie los." "Wir könnten dem Sultan die offizielle Anerkennung anbieten und die Aufnahme wirtschaftlicher Beziehungen. Damit könnte man das Land indirekt dazu zwingen etwas gegen die illegalen Machenschaften zu unternehmen. Wir exportieren Güter und helfen beim Aufbau des Landes, im Gegenzug müssen sie den Menschenschmuggel einstellen." "Und was ist mit den Drogen?" "Das könnte sich von selbst regeln, sobald man mehr Menschen in Lohn und Brot hat. Wenn man den Menschen eine Perspektive gibt, dann werden sie das Ganze als unrentabel ansehen und von selbst einstellen."

      Nordsoon lehnte in seinem Stuhl und hatte die Hände vor seinem Gesicht, wobei beide Zeigefinger seinen Mund berührten. "Ich denke das klingt nach einem Plan. Ich möchte schnellstmöglich einen Gesandten in Akkhra vor Ort haben. Wir versuchen es auf diesem Weg als erstes. Allerdings ..." Er machte eine kurze Pause und strich sich mit der Hand über sein Kinn: ".... allerdings möchte ich auch eine Lösung für den Fall, dass die Gespräche scheitern. Ich will kein unschuldiges Blut vergiesen, aber wir müssen eine Möglichkeit haben den Menschenschmuggel zu stoppen. Es ist in Niemandens Interesse, dass weitere Menschen bei der Überfahrt sterben. Und noch etwas: Wir werden keine Waffen verkaufen oder versprechen, sollte er die Anerkennung akzeptieren. Ich will nicht, dass der nächste Konflikt auf Inana mit Waffen Made in Voorlant geführt werden."

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      + 25.09.2022 | 15:30 Uhr Ortszeit
      + 240 Seemeilen Süd-Östlich der Spaarn Inseln | VKS Steinbit P-139
      + Ruhig See | Keine Bewölkung | Kein Niederschlag | 24°C
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      Die See war ruhig und die Sonne, die Hoch im Süden stand, ließ die leichten Wellen glitzern. Ralf Toronen stand auf der Steuerbord Nock, welche sich direkt an die Hauptbrücke anschloss und beobachtete einige Minuten den Bug, soweit er ihn von hier erkennen konnte und wie das Schiff ein weißes Kielwasser erzeugte. Dann sah er wieder auf und ließ seinen Blick über den Horizont schweifen. Wasser, nichts als Wasser war zu sehen. Da ein kleiner schwarzer Punkt und sonst nichts als Wasser. Stop, ein kleiner schwarzer Punkt, sagte er sich im Geiste und nahm sein Fernglas, welches er an einem Riemen locker um den Hals trug, nach oben. Er benötigte einen Augenblick bis er die Schärfe richtig reguliert hatte. Das Objekt war sehr weit weg und man konnte es nur sehen, wenn es sich anscheinend auf einem kleinen Wellenkamm befand. Es war länglich, schwarz und glänzte ein wenig in der Sonne. Er nahm das Fernglas herunter und drehte den Peilkompass neben sich auf das Objekt um die Richtung und wenn möglich die ungefähre Entfernung heraus zu finden.

      Gleichzeitig mit der Messung nahm er sein Funkgerät an den Mund und ein leieses Knacken zeigte ihm das es aktiv war. "Steuerbord Ausguck an Brücke. Kontakt, Überwasser an Steuerbord. Entfernung Sechstausend. Möglicherweise Schlauchboot." Der Kapitän schreckte etwas hoch als die Meldung eintraf und er erhob sich von seinem Stuhl um in Richtung der Brückennock zum Ausguck zu gehen. Im Vorbeigehen nahm er auch sein Fernglas mit und trat neben den jungen Soldaten. "Dort, etwa zwei Uhr, knapp unter dem Horizont.", berichtete Toronen kurz. Der Orlogskaptein nahm das Fernglas ebenfalls nach oben und versuchte das Objekt zu fokusieren. Anscheinend war es tatsächlich nicht natürlichen Ursprungs. Kein Wal oder Ähnliches, sondern aus einem dunklen Material, welches zeitweise reflektierte. Nachdem er das Fernglas gesenkt hatte trat er auf die Brücke um seine Befehle zu verkünden: "Steuermann, Kurs Null-Zwo-Acht, halbe Kraft voraus." Nahezu gleichzeitig nahm er den Hörer von der Konsole direkt vor sich um weitere Befehle an das gesamte Schiff zu erteilen: "Hier spricht der Kommandant. Schiff klar für Mann-Über-Bord Manöver. Schlauchboot Backboard klar zum Ablassen.", hallte es über die Lautsprecher verbreitet durch die Räume und Gänge.

      Langsam drehte sich das Schiff nach rechts und legte sich leicht in die Kurve als man auf das Ziel zu hielt. "FLIR, haben wir einen besseren Blick?", fragte der Kapitän wärend er zur Konsole schritt, welche das Infrarotsichtgerät kontrollierte. Die Soldatin hatte etwas heran gezoomt und nickte: "Durch die Wellenbewegung ist es schwierig ein eindeutiges Signal zu kriegen. Die Form und das Verhalten weißen jedoch auf ein großes Schlaucboot hin. Wenn es nach unten sinkt haben wir auch Wärmesignaturen. Ich kann allerdings nicht sagen ob es sich um Reflektionen der Hülle oder Menschen handelt." "Gut, gehen wir davon aus es sind Menschen." Er blickte den zweiten Offizier an: "Haben wir Informationen über Notrufe in den letzten Tagen in der Region?" Der Angesprochene durchforstete einige Zettel, die direkt vor ihm auf dem Kartentisch lagen und schüttelte den Kopf: "Nein Käpt'n es sind keine Meldungen vorhanden."

      "Kontaktbestätigung Schlauchboot, mindestens zwanzig Personen an Bord, vielleicht auch mehr!", gab der Ausguck bekannt als das Schiff in einiger Entfernung längseits ging. Das Heck umrundend zog das Beiboot von der Backbordseite ein weißes Kielwasser hinter sich her als es sich mit hoher Geschwindigkeit dem Boot näherte. Erst jetzt erhoben sich Köpfe und Oberkörper kamen zum Vorschein. "Hier spricht die voorlantische Küstenwache. Bitte bleiben Sie ruhig, wir kümmern uns um sie!", sagte der Führer des Beibootes durch ein Megafon erst auf Elysisch und dann auf Columbisch als man sich langsam annäherte. Die Angesprochenen blieben erstaunlich ruhig und gerieten nicht in Panik. Eine Reaktion die durchaus ungewöhnlich war, wenn sie sich hier auf Hoher See befanden.

      Die Rettungsoperation dauerte mehr als zwei Stunden, erst dann hatte man insgesamt 84 Personen, davon 48 Frauen, 30 Kinder und nur 6 ältere Männer. Nun trat der leitende Offizier der Aufnahme auf die Brücke: "Wir haben alle Aufgenommen Sir. Wir haben keine Verletzten und keine Toten verzeichnet." "Haben Sie Informationen erhalten können?", fragte der Kapitän ruhig nach. "Ja, anscheinend sollten sie bis kurz vor die Spaarn-Inseln geschleppt werden. Das war auch der Grund warum sie vergleichsweise ruhig waren. Als die Schlepper uns ausgemacht hatten sind diese im Schatten der Wellen wieder zurück gefahren." Der Kapitän zog eine Augenbraue fragend nach oben: "Bis vor die Küste?" "Ja Sir, anscheinend hatten diese zumindest insofern ein Gewissen, dass sie Frauen und Kinder nicht auf See sterben lassen wollten. Sie hatten auch einen Außenborder, der wurde allerdings bei unserer Ankunft versenkt. Mit dem sollten sie Spaarn erreichen."

      "Gut, geben Sie die Informationen zu Protokoll und informieren sie das Hauptquartier. Wo sind die Menschen aktuell untergebracht?" "Zwei schwangere Frauen auf der Krankenstation, ebenso ein älterer Mann. Der Rest auf dem Hubschrauberdeck, dort haben wir ein Notzelt errichtet um sie vor der Sonne zu schützen. Wir haben sie mit Wasser und Lebensmitteln versorgt." Erneut nickte der Kapitän und wandte sich dann um: "Kurs setzen auf die Spaarn Inseln, Maschinen halbe Kraft voraus!"

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      + 26.09.2021 | 05:30 Uhr Ortszeit
      + Nord-Westküste von Inana | Nahe der Stadt Akkhra
      + Grobe See | Windstärke 6 | Tiefe Wolkendecke | Kein Niederschlag | 12°C
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      Abduhla hatte einige Schwierigkeiten das Festrumpfschlauchboot auf den Anhänger zu buxieren, welcher am Strand ins Wasser gefahren war. Die See war unruhig und er war müde von der langen Fahrt, weshalb die Sicht zum Teil vor seinen Augen verschwomm. Dennoch versuchte er ruhig und konzentriert zu bleiben und musste sich anstrengen nicht zu fluchen. Gott gefiehl es nicht, wenn er fluchte. Schließlich, nach mehreren Anläufen rutschte das Boot auf den Hänger und verankerte sich am Bug. Mit aufheulendem Motor zog der schwere arkadische Geländewagen an und den Hänger samt Boot aus der Brandung etwas den Strand hinauf, direkt unter die aufragenden Klippen.

      Wie bereits hunderte Male getan sprang er aus dem Boot und begrüßte seine Brüder mit einem Handschlag und einer Umarmung. Sie waren erfolgreich und hatten neuerlich Menschen auf ihren Weg nach Euridika gebracht. "Haben wir Info ob sie es geschaft haben?", fragte er nach als sie den Weg nach oben ins Dorf nahmen. "Ja, die Voorlanter haben sie nach Spaarn gebracht. Sie sind vor einer Stunde eingelaufen wurde mir berichtet." Abduhla nickte zufrieden. Die meisten an Bord des Seelenverkäufers waren Frauen und Kinder. Auch wenn er sonst kein Interesse daran hatte ob die Flüchtlinge erfolgreich nach Euridika übersetzen, so hatte er doch hier ein wenig Reue entwickelt. Der Hauptgrund dafür war wohl nicht das Geld, sondern das seine Frau ihm ins Gewissen geredet hatte. Und da einige Menschen aus dem Dorf Verwandschaft auf den Spaarn-Inseln hatten, welche dort als Fischer bereits seit knapp einem Jahrhundert lebten und auch die voorlantische Staatsbürgerschaft hatten, hatten sie immer eine verlässliche Quelle ob die Menschen auch dort ankamen. Die Voorlanter würden keine Menschen auf See sterben lassen und das wussten sie, damit rechneten sie und dadurch gehörten sie zu den erfolgreichsten Schleusern in der gesamten Region.

      Der Aufstieg zum Dorf war beschwerlich, doch die Stufen den die Vorfahren vor Jahrhunderten in den Fels gehauen hatten waren noch immer der schnellste Weg, wenn man nicht bis nach Akkhra laufen wollte. Er blickte gen Süden und sah die Lichter der Hafenstadt in der Dunkelheit. Dann blickte er, als sie oben angekommen waren gen Osten und sah ein sanftes rosa Band, welches langsam in Orange überging. Die Sonne ging über Inana auf und ein neuer Tag brach an. Ein neuer Tag mit neuen Flüchtlingen die gen Euridika und einer besseren Zukunft strebten. Egal was sie verlangten die Meisten waren gewillt es zu bezahlen, auch wenn dies das Leben kostete. Er lies seinen Blick in Richtung des Dorfes schweifen und erkannte, dass sich das Lager der Flüchtlinge neuerlich füllte. Sie kamen meist in der Nacht, zu Fuß oder mit Fahrzeugen durch die Wüste um hier aufgenommen zu werden und das Meer zu queren.

      "Sind sie gut angekommen?", riss ihn eine sanfte weibliche Stimme aus seinen Gedanken. Er drehte sich um und seine Frau trat neben ihn und umarmte ihren Mann. "Ja, sie sind gut angekommen. Wir haben dafür gesorgt, das sie gefunden werden." Ein Lächeln huschte über das Gesicht seiner Frau und sie nahm in an der Hand um zum Dorf zurück zu kehren. Er würde sicherlich erst einmal einige Stunden schlafen aber vorher noch seine Kinder begrüßen und dafür sorgen, dass sie pünktlich in der Schule ankommen würden.
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