Ethnien & Kultur

      Ethnien & Kultur

      Airen


      Gebiete mit airischer Bevölkerungsmehrheit

      Die Airen sind der kulturell, ökonomisch und politisch dominierende Volksstamm Ryukyus, und repräsentieren durch den Kaiser, der nach ryukischer Lesart auch nach über 2500 Jahren noch in direkter Linie vom Begründer der Chibu-Dynastie abstammt, sowie die überwiegend airischen Verwaltungsbeamten das offizielle Ryukyu nach innen wie nach außen. Ursprünglich im Osten des Landes beheimatet, weiteten sie im 7. bis 9. Jahrhundert n. Chr. ihre Kulturzone erst nach Süden und dann über den Rest des Inselreiches aus. Dabei wird gerne übersehen, dass die Airen einen bedeutenden Teil ihrer eigenen Kultur durch Seefahrer vom asuatischen Festland sowie durch Austausch mit den anderen Volksstämmen erst auf eine allen anderen Völkern der Region überlegene Stufe heben konnten, die es ihnen ermöglichte, für die folgenden eintausend Jahre das ganze Land zu dominieren. Ihr religiöses und kulturelles Zentrum, Kiyomaru, erhoben sie 1819 zur Hauptstadt, was sie bis heute geblieben ist, ohne etwas von ihrem alten Stellenwert für die Airen eingebüßt zu haben.

      Insgesamt leben in Ryukyu 125 Millionen Airen, etwa 39 Millionen von ihnen jenseits des ursprünglichen Siedlungsgebietes in den Großregionen Usoto und Nosusoto. Nicht nur durch die gezielte Umsiedlungspolitik zwischen 1949 und 1991, sondern auch durch die Versetzung kaiserlicher Beamter auf Verwaltungsposten im zentralistischen Kaiserstaat sowie ihr kaufmännisches Geschick und ihre seit jeher andauernde Dominanz was die ryukische Seefahrerei anbelangt, haben sich bedeutende airische Siedlungsgebiete im Norden, im Südwesten und im Zentrum des Landes entwickelt, die teilweise bereits seit Jahrhunderten bestehen. In den großen Industriestädten und Millionenmetropolen sowie den davor gelagerten Ballungsräumen stellen die Airen fast durchweg die Bevölkerungsmehrheit, teilweise in Form von Inseln mitten in der Heimatregion anderer Völker, wie etwa in Chogai, Manakari, Kurazuru, Chisukari oder Sentasho. Seit geraumer Zeit ist zwar eine starke Landflucht zu beobachten, die immer mehr nicht-airische Familien vom Lande in die großen Städte treibt, die Dominanz der Airen ist aber bislang ungebrochen. Die allermeisten großen Industrieunternehmen liegen in den Händen der Airen, ebenso der Handelsflotte. Beim Heer stellen die Angehörigen dieser Volksgruppe 67% der Berufsoffiziere, bei der Luftwaffe 72% und bei der Marine 88%. Demgegenüber befinden sich nur 18,3% des Reislandes und 8,7% der Trockenfelder in ihrem Besitz.

      Die allermeisten Airen bezeichnen sich als dem Shintoismus anhängig, was sie zu dem einzigen großen Volksstamm des Landes macht, der diese Religion in seiner Mehrheit praktiziert. Dieser wird fast durchgängig zuhause im Familienkreis praktiziert, nur zu besonderen Feiertagen werden Festivals und Rituale in der Öffentlichkeit zelebriert. Die öffentlich zugänglichen Schreine werden zu Jahrestagen oder zu besonderen Anlässen wie Prüfungen, Hochzeiten oder Geburten aufgesucht. Von allergrößter Bedeutung ist das ehrenvolle Andenken an die Ahnen, zu dessem Zweck jeder Haushalt über einen Familienschrein verfügt. In größeren Anwesend handelt es sich dabei um freistehende, an Mausoleen erinnernde Gebäude im Garten, die manchmal sogar unterkellert sind. Steht weniger Platz zur Verfügung, wird auf tragbare Schreine zurückgegriffen. Durch die lange Seefahrertradition sowie den kulturellen Austausch über die Hafenstädte, vor allem im 20. und 21. Jahrhundert, hat sich aber auch eine bedeutende christliche Minderheit herausgebildet. Sie umfasst heute amtlichen Zahlen zufolge 4,8 Millionen Menschen, und findet ihre Wurzeln im Spätmittelalter. Im 19. Jahrhundert traten zudem ein zweites Mal nach ihrer Vertreibung 1600 bis 1602 euridische Missionare in das Land, die sich jedoch teilweise Anfeindungen und Pogromen der Bevölkerung ausgesetzt sahen. Christliche Kirchengemeinschaften gehen wider den Regierungsangaben davon aus, dass bis zu 7,2 Millionen Airen sich zum Christentum bekennen.


      Bild: Wikimedia Commons / miss_millions / CC BY 2.0
      Den Airen sind Ahnenkult und Naturverbundenheit sehr wichtig, weshalb Tempelbesuche beispielsweise vor wichtigen Prüfungen gängig sind.

      Reinheit und Reinlichkeit nehmen im Alltag der Airen eine besonders wichtige Stellung ein. Ab der Grundschule tragen die Schüler Schuluniformen, im Berufsleben kommen selbst Angestellte ohne Führungsverantwortung im Anzug zur Arbeit. Im Unterschied zu westlichen Gesellschaften ist das Tragen schmutziger oder kaputter Kleidung nicht nur verpönt, sondern wird als Respektlosigkeit oder sogar als Beleidigung demjenigen gegenüber erachtet, der dieses Kleidungsstück angefertigt hat. Ein gepflegtes Äußeres, gekämmte Haare, reine Haut und ein allgemein nüchterndes Erscheinungsbild werden als absolutes Schönheitsideal erachtet, da jede Person gleichzeitig auch die eigene Familie repräsentiert. Unangepasst zu sein ist in Ryukyu Ausdruck von Rebellentum, Unzuverlässigkeit und Verschlagenheit bis hin zu Kriminalität. Als unpassend gelten beispielsweise schon auffällig gefärbte Haare, sichtbare Tätowierungen, auffallende Ohrringe, protziger Schmuck oder ungewöhnliche Kleidung. Wer darauf besteht, läuft Gefahr ausgegrenzt zu werden und den Anschluss an Freunde, Nachbarn und Arbeitskollegen zu verlieren. Nur in den großen, weltoffenen Metropolen, wie Kiyomaru, Ashahi oder Kamizuho, hat man sich von diesem alten Rollenverständnis gelöst, und die vielen anzutreffenden Paradiesvögel mit gefärbten Haaren oder knallbunten Jacken fallen im Straßenbild kaum noch auf.

      Berühmt sind die Airen für die Praktizierung etlicher verschiedener Kampfsportarten und für ihre prachtvollen Gärten, die eines jeden Hausbesitzers ganzer Stolz sind. Eher findet man in Ryukyu ein Haus ohne Erdgeschoss, als ein Haus ohne Garten., lautet ein altes Sprichwort, das bis heute nichts von seiner Gültigkeit verloren hat. Auch für Kunst, Literatur und Architektur sind sie berühmt, die mittelalterlichen Bauten aus dem 15. und 16. Jahrhundert, der Blütephase der ryukischen Kultur, lassen sich bis heute in jeder Stadt bestaunen. Westlern dürften auch die airischen Freudendamen bekannt sein, die in den touristisch ausgebauten Hafenstädten auf sie warten, jedoch viel mehr Qualitäten besitzen als die einfachen Prostituierten aus aller Welt, die man in jeder großen Stadt rund um den Globus ausfindig machen kann.

      Die Stellung des weiblichen Geschlechts in der airischen Gesellschaft ist, trotz erheblicher Fortschritte seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts (Bspw. Einführung des Wahlrechts zum Unterhaus 1987), nach wie vor als schwierig zu bewerten. In Öffentlichkeit und Medien werden Frauen häufig sexualisiert dargestellt, was sich beispielsweise in der beliebten Manga/Anime-Subkultur, den unzähligen Idols und Maid-Cafés und in der Werbebranche widerspiegelt. In der Geschäftswelt ist es üblich, Gästen eine oder mehrere Amüsiermädchen zu bestellen, die ihnen Abends Gesellschaft leisten, beispielsweise die Stadt zeigen oder mit ihnen in Restaurants, Bars oder Spielsalons gehen. Innerhalb ihrer Familien hat das Wort der Frauen im Regelfall nur dann Gewicht, wenn das männliche Familienoberhaupt entweder nicht anwesend ist oder aber Zustimmung äußert. Trotz der erheblichen Defizite, hat sich in Ryukyu niemals eine einflussreiche feministische Reformbewegung gegründet, wie dies in westlichen Ländern der Fall war.


      Bild: Wikimedia Commons / Danny Choo / CC BY-SA 2.0
      Junge Airen in Kiyomarus Vergnügungs- und Ausgehviertel Ryuuko. Die dunklen Augen sind größer als bei den meisten anderen asuatischen Völkern, die Lidpartien schwach ausgeprägt. Die relativ hohe Stirn wird bei Frauen durch lange Haare kaschiert. Der Körperbau ist insgesamt nicht sehr kräftig.

      Seit den 1980er Jahren ist landesweit der Trend wahrzunehmen, dass airische Frauen im Schnitt weniger Kinder bekommen als die Frauen der meisten anderen sibutischen Volksgruppen. Besonders ausgeprägt ist dieses Phänomen in der Großregion Usoto, dem Stammland der Airen und der Region mit dem höchsten Lebensstandard und Urbanisierungsgrad im Kaiserreich. Seit 2004 stellen die Airen nicht mehr die Mehrheit der ryukischen Bevölkerung, sondern sind bloß noch die größte Minderheit unter vielen. 2017 machten sie noch 48% der Gesamtbevölkerung aus, mit fallender Tendenz. Es wird prognostiziert, dass ihr Bevölkerungsanteil mittelfristig pro Jahr um 0,3 bis 0,6 Prozentpunkte absinken wird, was bei einer mittleren Prognose für 2030 einen Anteil von nur noch 42% bedeuten würde. Danach könnte sich das Abschmelzen ihres Anteiles durch Eintreten eines durch beständig niedrige Geburtenraten ausgelösten Überalterungseffektes noch erheblich beschleunigen.

      Die Differenz bei der Geburtenziffer wirkt sich auch auf die Ergebnisse der vier Ansiedlungsprogramme aus. Diese waren unmittelbar nach Ende des Zweiten Kusarikrieges 1949 begonnen worden, mit dem Ziel, in den Regionen Zentral- und vor allem Nordryukyus ethnisch homogene Siedlungsgebiete von Jora, Aimo, Cocu und Kusaren mit Airen zu durchmischen. Sie erhielten gute Anstellungen bei Behörden und Staatsbetrieben wie der Post oder der Eisenbahn, und ließen zum ersten Mal eine breite, bürgerliche Mittelschicht entstehen. Das Ziel bestand darin, in Städten und Metropolregionen eine ökonomisch und monetär starke sowie staatstreue Oberschicht zu implementieren, die die anderen Völker, in der Pflege ihrer Kultur und Lebensweise eingeschränkt, dominieren und sie mit der Zeit assimilieren sollte. Das Vorgehen wurde im Ausland massiv kritisiert und das letzte Programm 1991 eingestellt. Stieg in der Großregion Nanto der Bevölkerungsanteil der Airen zwischen 1938 und 2005 noch von 15% auf 27% an, stagnierte er bis 2015 und fiel bis 2019 wieder auf 25,4% ab. Bevölkerungswissenschaftler sehen darin ein Risiko, dass bei einem weiteren Abschmelzen des Anteils der Airen ein Kippeffekt eintreten kann, der zu Massenabwanderung aus den inzwischen heterogen durchvölkerten, neuen Siedlungsgebieten bei gleichzeitiger Rehomogenisierung Ostryukyus führen könnte. Es wird befürchtet, dass der Abwanderung von qualifizierten Fach- und Führungskräften rasch ein Abzug etlicher Unternehmen aus Zentral- und Nordryukyu nachfolgen könnte, woraus in den Städten Deindustrialisierung, Detechnologisierung, Massenarbeitslosigkeit und Verelendung resultierten.

      Quellen- und Lizenzangaben der Signaturbilder sind HIER zu finden
      Piche


      Gebiete mit piche Bevölkerungsmehrheit

      Die Piche sind im Südosten Sibutans beheimatet, zählen 9,6 Millionen Köpfe und sind eng mit der airischen Kulturzone verflochten. Über die Jahrtausende kam es zu einem regen Bevölkerungs- und Kulturaustausch, der beide Seiten miteinander verbunden hat.

      Die Siedlungsgebiete der Piche sind geprägt von kühleren Luftmassen und geringerem Niederschlag als in den weiter nördlich, in Äquatornähe liegenden Gebieten des Landes. Die Landschaft ist etwas dünner bewaldet und hügeliger, die Winter fallen kühler aus und können in höheren Lagen ein wenig Schnee mit sich bringen. Die Böden sind kalkig, Ernten können aufgrund der langen Wachstumsperiode (Vier bis sechs Monate) nur zwei oder sogar nur ein Mal im Jahr eingefahren werden. Der Landbau ist wegen der trockenen Felder insgesamt unsicher, und wirft geringeren Überschuss ab als im Rest des Landes. Angebaut werden von den Piche vor allem Weizen, Hirse und Trockenkulturen, an Vieh halten sie Esel, Maulesel und Ochsen. In früheren Zeiten waren die Piche immer wieder von Hungersnöten betroffen. Auf dem Land leben sie in Lehmhäusern, deren Schlafzimmer mit Wärmsteinen gemauert sind. Die Straßen sind breit und von Abwassergräben flankiert, in die achtlos allerlei Unrat geworfen wird: Wo die Kinder im Sand spielen, da entsorgt nur wenige Meter weiter der Schlachter das Blut und der Mechaniker sein Öl. In der Vergangenheit hat die Auswanderung der Piche in Richtung der großen Städte an der Südküste (Kiyomaru, Noyima, Masaki, Hayashi) stetig zugenommen, und verweilt seit den 1990er Jahren auf hohem Niveau, zuvor traf man sie in Großstädten nur selten.

      Die kulturellen Wurzeln der Piche lassen sich auf das 15. Jahrhundert v. Chr. zurück datieren. Sie haben eine große Zahl an Künstlern und Gelehrten hervor gebracht, die sich überall im Land einen Ruf gemacht haben, sind traditionsbedacht, klassisch, korrekt und konservativ. Den Airen sind sie aufgrund ihrer kulturellen Höhe und buddhistischen Religion, die sich vielen Elementen des Shintoismus entlehnt hat, am wesensnhähsten. In ihrem Kalender ist jeder Monat nach einem Tier benannt. Die Katze, der Panda, das Schwein und die Ente sind heilig und ihnen darf kein unnötiges Leid zugefügt werden. Die wichtigsten Termine im Jahr sind Neujahr im Frühling und das Mondfest im Herbst. Der von den Piche gesprochene Dialekt wird Foriju genannt, und kommt der Shoto-Hochsprache sehr nahe, gleichwohl einige grammatikalische Unterschiede bestehen. Die Piche sind berühmt für ihre aufwendig inszenierten Wanderzirkusse, mit denen sie das ganze Land bereisen und viele Besucher anlocken, aber auch Diebstahl, Verschlagenheit und Trickbetrug werden ihnen nachgesagt. Auch ihre Treue ist sprichwörtlich: Hat man einmal einen Piche zum Freund gefunden, wird er sich dieser Freundschaft ein Leben lang verbunden fühlen. Sollte eine Freundschaft einmal gebrochen werden, was nicht häufig vorkommt, so wird ein Piche diese Person auf ewig ignorieren so gut er kann. Auch ihre Fertigkeiten bei der berittenen Falkenjagd und im Fischfang sind legendär. In vielen größeren Städten haben sie sich mit ihren Lokalen und Lieferservicen niedergelassen, die für ihre Pünktlichkeit geschätzt werden.


      Bild: Wikimedia Commons / Altaihunters / CC BY-SA 3.0
      Junger Piche in traditioneller Kleidung auf der Jagd. Auffallende Merkmale sind die ausgeprägten Augenbrauen und die meist braunen, grünen oder blauen Augen.

      Quellen- und Lizenzangaben der Signaturbilder sind HIER zu finden
      Tsutomi


      Gebiete mit tsutomischer Bevölkerungsmehrheit

      Die Tsutomi machen 1,80% der ryukischen Gesamtbevölkerung aus, und zählen mit 4,4 Millionen Personen zu den kleineren ethnischen Minderheiten im Reich. Sie sind verwandt mit den Swanuji, von ihnen übernahmen sie im ausgehenden 4. Jahrhundert n. Chr. auch den Buddhismus als vorherrschende Religion, sprechen allerdings einen anderen Dialekt. Etwa 240.000 Tsutomi gehören staatlichen Angaben zufolge christlichen Religionsgemeinschaften an, andere Quellen gehen von nur 160.000 Personen aus.

      Traditionell bedeutend für die Tsutomi sind die Viehhaltung, die in den letzten Jahren durch das Verschwinden von geeignetem Weideland stark zurück gegangen ist, sowie der Anbau von Reis, für den 40% des Kulturlandes in ihrem Siedlungsgebiet genutzt werden. Daneben werden Weizen, Gerste und Bohnen angebaut, sowie Tabak, Seide und Baumwolle erzeugt. In den Küstengebieten ist die Fischerei stark entwickelt, in den größeren Städten wird intensiv Kunsthandwerk betrieben. Gemeinsam mit den Airen und den Piche zählen die Tsutomi zu den bedeutenden kulturstiftenden Völkern des Ryukischen Reiches, dessen Ostseite seit jeher die Kulturseite des Landes ist.

      Da das Land der Tsutomi reich an Bodenschätzen wie Kohle, Eisenerzen, Graphit und Wolfram war, wurde es ab der Mitte des 19. Jahrhunderts durch die airische Staatsführung zunehmend erschlossen und mit westlicher Hilfe ausgebeutet. Die Errichtung einer für damalige Verhältnisse recht modernen Schwerindustrie zog Menschen in das Gebiet, und ließ einst kleine Dörfer zu prosperierenden Städten anwachsen. Auch eine bescheidende chemische Industrie zur Herstellung von Düngemittel sowie einige Zementwerke wurden in den 1950er und 1960er Jahren errichtet. Gleichzeitig wurde ein solcher Raubbau betrieben, dass weite Gebiete in dieser Region bis heute verschmutzt sind, viele Waldgebiete abstarben oder vernichtet wurden und etliche Bauern ihre Lebensgrundlage verloren. Folge war eine Landflucht der Bauern in die großen Industriestädte sowie in Küstennähe. Der Kohle- und Eisenerzabbau kam in den 1990er Jahren endgültig zum Erliegen, nachdem er bereits seit 1985 mit jedem Quartal an Bedeutung verloren hatte, sodass auch die Städte sich mit massiver Abwanderung konfrontiert sahen. Dies stieß den westlichen Teil des Siedlungsgebietes der Tsutomi in eine tiefe Depression, mit der eine hohe Arbeitslosigkeit, der Verfall der Städte und Unternehmensschließungen einher gingen. Korruption und Vetternwirtschaft grassieren. Diese Krise ist bis heute nicht überwunden, während die küstennahen Gebiete von der Einwanderung aus dem Süden profitierten und heute wegen der niedrigeren Verschmutzung nach wie vor intensiv landwirtschaftlich genutzt werden können. In jüngster Zeit wurden durch die Zentralregierung weitere Gelder freigegeben und viele neue Straßen, Brücken, Universitäten, Fachschulen und allgemein bildende Schulen errichtet.


      Bild: Wikimedia Commons / jennybento / CC BY-SA 2.0
      Tsutomi-Ehepaar. Für Männer sind ein hoher Haaransatz und hochstehende Wangenknochen typisch. Frauen weisen in der Regel eine runde Gesichtsform mit ausgeprägten Wangen auf.

      Quellen- und Lizenzangaben der Signaturbilder sind HIER zu finden
      Naha


      Gebiete mit nahischer Bevölkerungsmehrheit

      Auf den Inseln Iriomoto (13.935 km²) und Yonuguni (13.576 km²) leben zusammengenommen rund 6,6 Millionen Angehörige des Volkes der Naha, die einen eigenen Dialekt sprechen, der von den allermeisten Ryuken aber verstanden werden kann. Das kühlere Klima der im Südwesten gelegenen Inselgruppe begünstigt den Anbau von Kartoffeln, Hafer, Gemüse und Pfefferminz, die reichlich auf die Hauptinsel exportiert werden. Die Hauptstadt des Verwaltungsdistriktes Iriomoto ist Awaniko und zählt 740.000 Einwohner. Awaniko ist Mittelpunkt kunstvollen Gewerbes wie der Batikmalerei. Kulturell von hoher Bedeutung sind auch die nahischen Schattenspiele, die sich jüngst bei Touristen einer immer größer werdenden Beliebtheit erfreuen, und teilweise auch im übrigen Reichsgebiet Verbreitung finden. Zur Inselgruppe gehören, neben den beiden Hauptinseln, 80 weitere Eilande, die zum Teil bewohnt sind und auf denen wiederum eigene Dialekte gesprochen werden. Große Städte fehlen dort völlig.

      Die Gründung des Königreiches Hamahera Salatan im Jahr 1293 und reger Kontakt mit kusarischen und airischen Seefahrern förderte die Entstehung und Entfaltung einer hohen Kultur auf Iriomoto und Yonuguni ganz erheblich. Die Naha sind berühmt für ihre Gedichte, ihre Malereien und ihre Kochkunst. Schon im Mittelalter wiesen die Inseln eine hohe Volksdichte auf. Die meisten Naha folgen auch heute noch dem Shintō-Glauben, hiervon zeugen auch die vielen Tempel und religiösen Stätten. Eine kleine christliche Minderheit von nicht mehr als 7.000 Personen ist in der Neuzeit durch die Arbeit westlicher Missionare entstanden. Anfang des 16. Jahrhunderts kam es zu einer kurzen Phase der islamischen Eindringung, aus der bis heute eine muslimische Minderheit von 118.000 Personen erhalten geblieben ist. Das 1515 von den Muslimen besiegte Königreich Hamahera Salatan wurde 1530 als Ayum Yasu Hanabi neu gegründet, und gelangte im 17. und 18. Jahrhundert als Umschlagplatz und Handelszentrum zu großer Bedeutung. Im 19. Jahrhundert geriet die Inselgruppe in wechselnden Tributverhältnissen zu größeren Reichen, konnte aber seine formale Unabhängigkeit bewahren. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Inselgruppe dem Kaiserreich einverleibt.

      Verwaltungstechnisch bildet die Inselgruppe die Provinz Iriomoto mit einer Fläche von 29.281 km². Lediglich Kubang (518 km²) im Norden, das nur zeitweise zum Machtbereich der Königreiche Hamahera Salatan und Ayum Yasu Hanabi gezählt werden konnte, gehört auch heute zu Chinmoku. In der Provinz leben insgesamt 9,2 Millionen Menschen, die Naha machen also gut zwei Drittel der Bevölkerung aus. Weitere große Städte neben Awaniko sind Nagamoto mit 1,3 Mio. Einwohnern, Katikyūshū mit 961.000 und Etembue mit 552.000.


      Bild: Wikimedia Commons / Joe Baz / CC BY-SA 2.0
      Der Beruf der Geisha wurde im 17. Jahrhundert von den Naha erfunden.

      Quellen- und Lizenzangaben der Signaturbilder sind HIER zu finden
      Swanuji


      Gebiete mit swanujischer Bevölkerungsmehrheit

      Die Swanuji erlangten geschichtliche Bedeutung, als sie zu Beginn des 13. Jahrhunderts, getrieben von freibeuterischen Angriffen auf ihre Siedlungsgebiete an der ryukischen Südküste, einen Eroberungsfeldzug starteten, in dessen Verlauf sie binnen kurzer Zeit weite Teile der Insel einnahmen, und sogar bis Chogai vorstießen. Nach der rasch vollzogenen Zurückdrängung im 14. Jahrhundert blieb ihr Herrschaftsgebiet fortan auf das südliche Ryukyu beschränkt. Im 17. Jahrhundert war der alte Ruhm längst verblasst, und es erfolgte die endgültige Unterwerfung durch die Airen, womit auch ein effizientes Verwaltungssystem Einzug hielt. Traditionell berühmt sind die Swanuji für ihre Viehzucht (Hauptsächlich Rinder, Schafe und Ziegen), sowie ihre exzellenten Pferde, die ihrer Reiterei im Hochmittelalter die Erringung großartiger Siege über die anderen Völker ermöglichte. Seit der zweiten Dekade des 20. Jahrhunderts, mit mehreren Jahrzehnten Verzögerung zu den anderen Küstenregionen des Landes, ist eine industrielle Basis entstanden, die von Beginn an auf die Erz-, Kohlen- und Erdölindustrie konzentriert war, und die Region sich rascher vollziehenden, ungleich stärkeren Umwälzungen unterwarf. Während der 1920er Jahre wurde auch der Aufbau einer Schwerindustrie begonnen, die das von den Swanuji bewohnte Gebiet bis heute prägt. Das Vorhandensein von Eisenerzen, Steinkohle, Erdöl, Gold, Kupfer und Blei ist auch nach 100 Jahren der Ausbeutung noch von sehr großer Bedeutung für die Bevölkerung. Die beiden dicht beieinander liegenden Millionenmetropolen Chisukari und Kurazuru sowie Iraka, allesamt ursprünglich ur-swanujische Städte, werden heute zwar mehrheitlich von Airen bewohnt, doch viele Swanuji arbeiten in den großen Ballungszentren, während auch auf dem Land die Bevölkerung von der guten Infrastruktur profitiert, die im Zuge der Industrialisierung ihres Landes aufgebaut wurde. Der Technologieisierungsgrad in den Städten, der Autoverkehr und die Straßendichte sind zwar geringer als im ryukischen Osten, doch die Länge an Eisenbahnstrecken, die große Anzahl an Kraftwerken sowie die Intensität des Schiffstransportes über Binnengewässer liegen über dem Landesschnitt. In jüngerer Zeit stieg auch die Anzahl an Hochschulen und der Studenten in der Region stark an, zugleich werden immer mehr Bücher, Zeitungen und Zeitschriften von Swanuji veröffentlicht und abgesetzt. Konnte 1912 nicht einmal ein Prozent der Swanuji Lesen und Schreiben, sind es heute 93%.

      Kulturell sind die knapp sieben Millionen Swanuji den Piche nah, unterscheiden sich aber drastisch an kultureller Höhe und in der Sprache. Für ausländische Einflüsse waren die Swanuji seit jeher ohnehin kaum empfänglich, und werden zu Unrecht heute noch als hinterwäldlerisch und eigenbrötlerisch belächelt. Mit dem Einzug der Airen in die großen Metropolen der Swanuji schwappten erst im 20. Jahrhundert Fortschritt und Technologie aus dem Westen ins Land. Die Bevölkerung folgt mehrheitlich der buddhistischen Glaubenslehre, eine Minderheit auch dem Islam, während das Christentum kaum verbreitet ist.


      Bild: Wikimedia Commons / Encik Tekateki / CC BY-SA 4.0
      Junges Swanuji-Paar in traditioneller Festtagskleidung.

      Quellen- und Lizenzangaben der Signaturbilder sind HIER zu finden
      Aimo


      Gebiete mit aimo Bevölkerungsmehrheit

      Die Aimo sind kulturell wie auch ethnisch eng verwandt mit den weiter westlich beheimateten Ji, und leben hauptsächlich in den dicht bewaldeten und weitgehend naturbelassenen Gebieten Zentralryukyus. Mit rund 26,4 Millionen Volkszugehörigen zählen sie zu den größeren Minderheiten im Reich, trugen zum offiziellen Ryukyu, wie es sich nach außen darstellt und wie es durch seine Regierung repräsentiert wird, sowie auch zur kulturellen Entwicklung des Landes, aber nur einen nachrangigen Anteil bei. Zur Schaffung größerer Ballungs- und Kulturzentren waren die Aimo in ihrer mehr als zweitausendjährigen Geschichte nicht fähig, ihre Tempelanlagen sind weniger prunkvoll als die anderer Völker und aus vormittelalterlicher Zeit sind kaum Schriften erhalten. Mangels Expansionen konnten sie ihre buddhistischen Traditionen nirgends außerhalb ihrer angestammten Heimat etablieren. Ihre Schriftgut ist zudem nicht einheitlich, sondern lässt sich, je nach Betrachtungsweise, in 21, 45 oder gar 53 Schulen mit teilweise verschiedenen Alphabeten einteilen.

      Bis weit in das 17. Jahrhundert hinein war es um die Lebensumstände der Aimo um das allerschlechteste bestellt. Einige Airen brüsten sich noch heute damit, die Miaozu, wie sie sie herabwürdigend nennen, an ihre hohe Zivilisation herangeführt zu haben, was mitunter zu Spannungen zwischen den beiden Ethnien führt. Viele Aimo arbeiten als Wanderarbeiter in Chogai, der alten Hauptstadt des bis 1413 bestehenden Aimo-Reiches, die inzwischen von den Airen dominiert wird, Manakari, Hidori und den großen Städten an der Ostküste, ebenfalls unter teils sehr schlechten Bedingungen. In der Provinz Poz-Kitamaku machen sie 47,8% der Bevölkerung aus, in Noshitamaku 21,9%, in Sutoraburu 12,1% und in Shima immerhin noch 7,2%. Diese Werte sind seit einem Vierteljahrhundert stabil, während ihre Anwesenheit in den Küstenmetropolen zunimmt.


      Bild: Wikimedia Commons / Cyril Massenet / CC BY-SA 2.0
      Das weiße Stirnband tragen Aimo-Männer anlässlich ritueller Feste.

      Die traditionellen Aimo, die noch heute in Dorfgemeinschaften zusammenleben, halten an jedem vierten März-Sonntag im Jahr ein großes Fest ab. Sie feiern dabei das Leben als solches, und begehen nicht etwa einen wiederkehrenden Feiertag wie das Neujahrsfest oder eine Ahnenverehrung. Zu diesem wichtigen Anlass kehren auch viele der Jüngeren, die ihr Geld als Wanderarbeiter in den Städten verdienen oder dort eine höhere Schule besuchen, wieder in ihre Geburtsorte zurück, tauschen ihre Jeans gegen traditionelle Gewänder und ihre Käppis gegen silberfarbenen Kopfschmuck (Link). Diese werden zwar nicht mehr von Generation zu Generation weitervererbt, sondern im Einzelhandel erworben, und weisen darum eine niedrigere Qualität auf als die Ausstellungsstücke in den Museen, erfüllen aber trotzdem ihren Zweck. Der Tag beginnt mit einer großen Prozession mit Musik und Gesang, die im Ort beginnt und die Teilnehmer auf die Felder und Wiesen führt. Dort, meist in der Nähe eines kleinen buddhistischen Tempels, dessen jedes Dorf mindestens einen besitzt, setzen sich die prächtig zurecht gemachten Jüngeren gegenüber und beginnen ein Wettsingen: Die Jungen treten an gegen die Mädchen. Dabei sollen nach altem Ritus auch potenzielle Heiratskandidaten ausgemacht und gemustert werden. Am Nachmittag finden Wettkämpfe statt: Ochsen werden gegeneinander in den Ring geschickt, wobei die Kampfdauer streng auf 60 Sekunden beschränkt ist, um Verletzungen zu vermeiden, die den meist armen Bauern die Existenzgrundlage rauben würden. Die Besitzer einigen sich anschließend fair und ohne Zutun eines Schiedsrichters, welches der beiden Tiere offensiver vorgegangen ist und einen größeren Kampfeswillen gezeigt hat. In Poz-Kitamaku sind unter den weiter westlich lebenden Aimo auch Pferderennen sehr beliebt, wobei hier nicht Schnelligkeit, sondern Ausdauer zählt. Über Stock und Stein, über Hügel und durch Bachläufe müssen die Tiere nicht nur ihren Jockey, sondern auch schwere Gewichte ziehen.
      In vielen Dörfern ist dieses traditionelle Fest touristisch erschlossen, und wird an jedem Wochenende drei Mal für die fremden Besucher zelebriert, anstatt nur einmal im Jahr. In der älteren Generation sorgt dies teilweise für Unmut.

      In Nonaka in der Provinz Noshitamaku befindet sich seit 1932 die Kazunarai-Kornbrennerei, die das quasi-Nationalgetränk der Aimo produziert. Der hier hergestellte Korn darf auf keinem offiziellen Staatsempfang fehlen, ist mit seinen 55 Volumenprozenten Alkoholgehalt aber auch nicht jedermanns Sache. Eine Flasche von 700 ml kostet im Handel rund 130 Dollar, und wechselt darum häufig als Zuwendung für Amtsträger den Besitzer. Es befinden sich auch etliche Etikettenschwindel und billige Fälschungen im Umlauf, die dann aber keine Geschmacksexplosion auf der Zunge, sondern nur üble Nachwirkungen von Fusel im Kopf entstehen lassen. Beim originalen Herstellungsprozess wird so weit wie möglich noch auf Handarbeit zurückgegriffen, was den hohen Preis und die geringen Produktionsmengen rechtfertigt.

      Der größte Teil des Reislandes, des Ackerlandes und des Viehbestandes des Kaiserreiches befindet sich in den Händen der kleinbäuerlichen Aimo, während sie auf Regierungs- und Verwaltungsposten, selbst bei den eigenen Gemeindeverwaltungen, bei der Polizei, den Militär-Offizieren und unter den Großgrundbesitzern ganz und gar unterrepräsentiert sind.


      Bild: Wikimedia Commons / Vera & Jean-Christophe / CC BY-SA 2.0
      Aimo-Frauen mit ihrem traditionellen, prächtigen Kopfschmuck.

      Quellen- und Lizenzangaben der Signaturbilder sind HIER zu finden

      Gebiete mit Bevölkerungsmehrheit der Cocu

      Die Cocu sind eine buddhistische Volksgruppe, die im Norden Ryukyus beheimatet ist. Obwohl ihr Kernsiedlungsgebiet mit rund 70.000 km² relativ klein ist, zählen sie mit 11,2 Millionen Köpfen doch zu den mittelgroßen ethnischen Minderheiten im Reich. Die ethnischen Wurzeln der Cocu reichen etwa 4.000 Jahre zurück, und liegen in Nordsibutan. Vor etwa 2.500 Jahren wurden sie auf ihrer Wanderschaft nach Süden am Fuße des Chōchin-Gebirges sesshaft, und lebten dort in kleinen Dorfgemeinschaften. Sie profitierten in späterer Zeit vom starken Landhandel zwischen den Reichen Nord- und Südsibutans, der in Umgehung der Gebirgszüge Amakiri, Chōchin und Futakuchi das Land der Cocu kreuzte. Sie gelangten dadurch mit den meisten anderen Kulturen der Insel in regen Austausch, und zugleich auch in den Besitz immer neuer Werkzeuge und Techniken. Mit den Jahrhunderten eigneten sich die Cocu so eine technische und kulturelle Höhe an, die auf einer Stufe mit den anderen Hochkulturen der Region wie den Airen, den Tsutomi oder den Hroi stand. Im 7. Jahrhundert gründeten sie ihr eigenes Königreich Shan Thum, und beerbten damit das kurz zuvor untergegangene Reich der Hroi wat. Im 9. Jahrhundert errichteten sie ihre Hauptstadt Kampung Phum, und läuteten damit die Blütezeit des Shan Thum-Reiches ein. Der Reichtum und die Pracht Kampung Phums waren auf ganz Sibutan bekannt. Gleichzeitig zeigten sich die Cocu die meiste Zeit des Bestehens ihres Reiches über auch als ein äußerst kriegerisches Volk, und unterwarfen weite Teile Nordryukyus ihrem Herrschaftsgebiet.

      Als im 15. und 16. Jahrhundert das Reich der Airen in einem Bürgerkrieg fast vollständig zerfiel, konnten die Cocu als ihre Rivalen daraus keinen Nutzen ziehen. Der Einbruch der Handelstätigkeit zwischen Nord- und Südsibutan minderte die Staatseinnahmen beträchtlich. Als nach dem Ende des Bürgerkrieges im Jahr 1539 der sibutische Landhandel nicht wieder in altem Umfang auflebte, sondern stattdessen vom Seehandel mit Kontinentalasua und Euridika abgelöst wurde, läutete dies das Ende der Machtfülle Shan Thums ein. Nicht etwa ein Krieg, sondern wirtschaftlicher Niedergang führten zum Verschwinden des Reiches. Da die Cocu selbst kaum schriftlichen Aufzeichnungen hinterließen, ist nicht überliefert, wann genau das Reich aufhörte zu existieren. Ein Gesandter des kaiserlichen Hofes, der 1637 mit den Cocu das neue Jahr feierte, berichtete, dass in der Gegend von Kampung Phum noch immer Menschen lebten, und dass König Chaom Serei anlässlich der Feierlichkeiten sogar mehrere neue Pavillons für seinen Hof und seine Gäste habe errichten lassen. Im 16. Jahrhundert wurden euridische Seefahrer, Händler und Missionare in der Stadt empfangen. Mit der Schließung der Seehäfen des Kaiserreiches für alle Schiffe aus Euridika und Asua brach der Kontakt der Cocu mit der Außenwelt 1602 ab. Die jüngste gefundene Stifterinschrift ist neben einem in den Stein der Seitenhalle des Osttors geschlagenen Hochrelief angebracht, und stammt von 1747. Die detailreiche Abbildung zeigt ein religiöses Fest, mit Gottheiten, Priestern, Elefanten und Tänzerinnen, und beweist, dass Kampung Phum zum damaligen Zeitpunkt noch die Hauptstadtfunktion erfüllte und die Cocu dort sogar in begrenztem Maße bautätig waren. Warum das Volk seine Hauptstadt kurz darauf aufgab, und was mit dem Königshaus geschah, gibt Forschern bis heute Rätsel auf. Kriegerische Auseinandersetzungen mit den Airen, denen die Cocu sich 1632 als tributpflichtiger Vasallenstaat unterworfen hatten, sind nicht überliefert. Am wahrscheinlichsten für das Verschwinden des Reiches erscheinen eine Reihe von Missernten und Seuchen, möglicherweise in Verbindung mit einem Aussterben der königlichen Linie. Die Cocu könnten die Hauptstadt anschließend als verfluchten Ort verlassen und absichtlich in Vergessenheit geraten lassen haben. Dafür spricht, dass bei der Wiederentdeckung der Stadt durch westliche Forscher in den 1930er Jahren diese von den eigentlich friedfertigen Einheimischen teils feindselig behandelt und angegriffen wurden. Auch war das Areal gespickt mit einer Vielzahl tödlicher Fallen, wie etwa Falltüren oder herabstürzenden Gesteinsbrocken und Baumstämmen. Als die kusarische Armee das Areal der alten Hauptstadt 1943 durchquerte, sollen Dutzende Soldaten den noch nicht katalogisierten oder unschädlich gemachten Fallen zum Opfer gefallen sein. Die umfassende wissenschaftliche Untersuchung Kampung Phums begann schließlich in den 1950er Jahren, und dauert bis heute an. Das Areal ist seit den 1980ern touristisch erschlossen, die Benutzung der vorgeschriebenen Wege wird durch Wachpersonal beaufsichtigt.


      Bild: Wikimedia Commons / Mig Gilbert from Brighton / CC BY 2.0
      Kampung Phum war beinahe eintausend Jahre lang Hauptstadt des Königreiches Shan Thum.

      Während des Zweiten Kusarikrieges wurde das Siedlungsgebiet der Cocu im Sommer 1943 nahezu vollständig von der Kusarischen Volksbefreiungsarmee besetzt, aber bis Jahresende wieder von den Kaiserlichen Armee zurückerobert. Die kurze Zeit der Besatzungsherrschaft hatte für die Cocu fatale Auswirkungen, da die Kusaren bei ihrem Rückzug viele Dörfer niederbrannten, die Aussaat vernichteten und das Vieh erschlugen, sodass die Lebensgrundlage vieler Dörfer vernichtet wurde. Schätzungen gehen von 500.000 bis einer Million Hungertoten unter den Cocu aus.

      Von Seiten des ryukischen Staates wurden die Cocu der Kollaboration mit den Invasoren bezichtigt, und als unzuverlässige Volksgruppe eingestuft. Hunderttausende Männer wurden ohne Rücksicht auf ihre Bedeutung für das Überleben der Dorfgemeinschaften zu Zwangsarbeit in Ostryukyu verpflichtet, um dort die zum Militärdienst eingezogenen Airen zu ersetzen, was zu einer Verschlimmerung der Hungersnot führte. Tatsächlich standen die Cocu den kusarischen Invasionstruppen relativ gleichgültig gegenüber. Es kam zwar zu Fällen der Fraternisierung, es blieb aber bei Einzelfällen. Die moderne Geschichtswissenschaft geht heute davon aus, dass die Cocu wegen ihrer historischen und kulturellen Nähe zu den Völkern Südkusaris unter einen unbegründeten Generalverdacht gestellt wurden, und die gegen sie erhobenen Vorwürfe und ausgeübten Repressalien rassistisch motiviert waren. Nach dem Krieg waren die Cocu neben den Kusaren die am stärksten von den Folgen der vier Ansiedlungsprogramme und den damit verbundenen Repressalien betroffene Volksgruppe. Durch die Ansiedlung von Millionen von Airen wurde ihr angestammtes Siedlungsgebiet in zwei Teile zerrissen, ihre Kinder auf drittklassige Schulen verbannt und viele Familien aus den Städten zurück aufs Land verdrängt. 1964 wurde ihnen die freie Berufswahl verboten. Ein gesellschaftlicher Aufstieg ist den Cocu bis heute nur unter stark erschwerten Bedingungen möglich, da Führungspositionen in Behörden und Unternehmen ganz überwiegend von den wesentlich besser qualifizierten Airen besetzt sind, und die Cocu auch nach wie vor kaum Zugang zu guten Bildungseinrichtungen, Oberschulen und Universitäten haben. Ein weiteres großes Problem ist der Menschenhandel, der in ganz Nanto verbreitet ist. Junge Mädchen werden von ihren Familien an die organisierte Kriminalität verkauft oder von diesen entführt, um sie in den Städten einige Jahre illegal zu prostituieren und anschließend an heiratswillige Männer zu verkaufen.


      Bild: Wikimedia Commons / joaquin uy from Seattle / CC BY 2.0
      Cocu-Mann mit blonden Haaren.

      Die traditionellen Cocu leben typischerweise in größeren Dorfgemeinschaften mit mehreren hundert Mitgliedern, selten jedoch über 600 Personen, die sich als Stamm identifizieren. An der Spitze jedes Stammes stehen die Dorfältesten, die über jegliche Belange entscheiden, die das gesamte Dorf betreffen. Sie teilen Aufgaben und Nahrungsmittel zu, entscheiden über die Errichtung von Bauten und die Abhaltung von Festen, die meist gemeinsam mit anderen Stämmen gefeiert werden. Der Zusammenhalt eines Stammes ist den Cocu heilig, und wird einzig durch den Zusammenhalt der einzelnen Familien übertroffen. Oberhaupt einer Familie ist stets der älteste männliche Angehörige, dessen Rat oft eingeholt und dessen Wille stets befolgt wird. Eheschließungen werden meist vom Familienoberhaupt bestimmt, in jedem Fall muss er aber seine Zustimmung geben. Dabei ist es üblich, dass ein Mann so viele Frauen hat, wie er durch Jagd, Viehhaltung und Landwirtschaft versorgen kann. Eine durchschnittliche Cocu-Familie besteht daher aus einem Mann mit zwei bis vier Frauen, die jeweils vier bis acht Kinder haben. Stirbt das Familienoberhaupt, ohne einen männlichen Nachkommen ausreichenden Alters zu haben, übernimmt seine erste Ehefrau so lange die Haushaltsführung. Ist noch kein männlicher Nachkomme vorhanden, wird sie in der Regel neu verheiratet.

      Weibliche Nachkommen helfen ab dem fünften oder sechsten Lebensjahr mit einfachen Tätigkeiten wie Abwaschen oder Putzen im Haushalt mit. Später versorgen sie das Vieh sowie jüngere Geschwister und ältere Familienangehörige, stellen Kleidung her und bereiten die Mahlzeiten zu. Seltener helfen sie auch bei der Feldarbeit aus. Männliche Nachkommen werden in der Regel ab dem neunten oder zehnten Lebensjahr von der Arbeit im Haushalt befreit und zur Feldarbeit herangezogen, mit 13 oder 14 sind sie alt genug für die Jagd. Mädchen werden mit 14 bis 15 Jahren verheiratet, und damit ein Jahrzehnt vor Erreichen ihrer gesetzlichen Volljährigkeit. Die Jungen sind bei ihrer ersten Heirat meist drei bis vier Jahre älter, damit sie bereits einige Jahre Erfahrungen in der Jagd gesammelt haben und alt genug sind, einen eigenen Hausstand zu gründen und zu führen. Geheiratet wird nie innerhalb einer Dorfgemeinschaft, sondern ausschließlich stammesübergreifend. Das bedeutet auch, dass Frauen schon als Jugendliche ihr Dorf verlassen müssen, und es danach nur noch selten wiedersehen.


      Bild: Wikimedia Commons / Ruud van Leeuwen / CC BY 2.0
      Cocu-Mädchen bei der Feldarbeit.

      Die Wohnhäuser der Cocu bestehen aus Bambus, Dächer und Böden sind mit Geflecht oder Bambus bedeckt. Gemeinschaftshäuser, wie Versammlungsstätten oder religiöse Bauten, werden oft aus massiven Holzbalken errichtet und verfügen über eine steinerne Bodenplatte. Die Sprache und Kultur der Cocu ist denen der Mèo, Hroi, Ji und Aimo nahe. Ihr traditioneller Kopfschmuck erinnert an den der südlich von ihnen beheimateten Aimo, kommt jedoch häufig ohne Silber aus. Frauen tragen an Festtagen als Schmuck um den Hals getragene Silberreife, paillettenbesetzte Röcke und auffällige Ohrringe, während Männer musizieren und Ausdruckstänze vorführen. Auffälliges äußeres Charakteristikum ist der hohe Anteil von Cocu mit blonder oder roter Haarfarbe, der etwa 8 bis 10% beträgt. Die Herkunft dieses für Ostasua seltenen genetischen Einflusses konnte wissenschaftlich bislang noch nicht aufgeklärt werden. Viele blonde oder rothaarige Cocu verkaufen für hohe Geldsummen ihr Haar, aus dem dann Echthaarperücken für die wohlhabende Stadtbevölkerung hergestellt werden.

      Eine große Rolle im alltäglichen Leben spielen die Elefanten, die bereits vor Jahrtausenden von den Cocu domestiziert und bis heute als Arbeitstiere genutzt werden. In der Regel verfügt ein Dorf über einen Elefanten, größere Siedlungen auch über zwei bis drei. Da Elefanten in Gefangenschaft fast nie Nachwuchs gebären, müssen jedes Jahr Dutzende Tiere der freien Wildbahn entnommen werden, um die Zahl der Arbeitselefanten konstant zu halten. Dies bringt die Cocu in Konflikt mit Artenschützern, die die stark vom Aussterben bedrohte Wildelefantenpopulation erhalten möchten. 2020 wurde ein Programm zum Schutz der Wildelefanten ins Leben gerufen, das auch die Ausrüstung der Dörfer mit motorisierten Transportmitteln und Treibstoff beinhaltet, wenn diese auf die Haltung von Elefanten verzichten.


      Bild: Wikimedia Commons / Ekrem Canli / CC BY 3.0
      Frauen bei der Kleiderherstellung.

      Die Erzeugnisse ihrer Arbeit bieten die Cocu auf den Märkten der kleineren Städte an: Neben Obst und Gemüse handelt es sich dabei vorrangig um Modeschmuck (Ohrringe, Armreife, Ketten), Dekorationsgegenstände (Holzfiguren, Tierdarstellungen, Stickarbeiten, Gefäße) und Textilprodukte (Arbeitsschürzen, Kopftücher, Beutel, Taschen).

      Der Alltag der in den Städten lebenden Cocu unterscheidet sich von alldem grundlegend. Sie wohnen dort in eigenen Vierteln in kleinen Mietwohnungen, und verdingen sich oft als Industriearbeiter, Näherinnen, Lebensmittelhändler oder Lieferboten. Von den Eltern eingefädelte Eheschließungen sind nicht unüblich, jedoch finden nur sehr selten Zwangsehen statt, da den Wünschen der Nachkommen Rechnung getragen wird. Mehrfachehen gibt es nicht. Generell sind die Cocu in den Städten relativ stark assimiliert, tragen statt ihrer traditionellen Bekleidung T-Shirts und Jeans und unterscheiden sich auf den ersten Blick nur durch wenige Merkmale von den Airen. Einheimischen sind diese aber auf den ersten Blick präsent: Über das Schulwappen der Schuluniform wird bei Kindern und Jugendlichen sofort deutlich, ob man in einem Airen- oder in einem Cocu-Viertel lebt. Die wesentlich einkommensstärkeren Airen können sich Autos leisten und arbeiten meist im Büro, während die Cocu Roller und Motorräder fahren und oft unter freiem Himmel arbeiten. Folge dessen ist ein dunklerer Hautteint, in Ryukyu unverkennbares Merkmal für relative Armut und niedrigen sozialen Status. Beziehungen zwischen Airen und Cocu, egal ob freundschaftlicher Natur oder im Rahmen einer Liebesbeziehung, sind selten, da soziales Schichtendenken in Ryukyus Gesellschaft tief verankert ist.

      Quellen- und Lizenzangaben der Signaturbilder sind HIER zu finden

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von „Wolkowisches Reich“ ()

    • Benutzer online 1

      1 Besucher