Ankündigung Anregungen und Spielideen

    Anregungen und Spielideen

    Territoriale Spannungen
    Von Turuba

    Seit jeher forschen Historiker nach den Ursachen militärischer und politischer Konflikte. Dennoch ist es ihnen bis heute aufgrund der Komplexität und Vielfalt der Konflikte nicht gelungen, diese Ursachen zusammenzufassen. Es ist jedoch möglich die geographischen Modelle zu betrachten, die der Forschungsarbeit der Historiker zugrunde liegen. Sie ermöglichen es die politische Dimension hinter den militärischen Konflikten zu verstehen und könnten dem ein oder anderen Spieler Denkanstöße für das (un-)friedliche Beieinander von Virtual States zu liefern. Einige Ursachen, die ich beschreibe finden bereits bewusst oder unbewusst in unserem RPG statt, andere fanden bisher leider keine Berücksichtigung.


    nach Haggett, Peter 2004


    1. Konflikte um Landkorridore
    Der erste mögliche geographische Grund für Spannungen ist in unserer virtuellen Welt scheinbar nicht gegeben, da die wenigsten Spieler bereit sind einen Binnenstaat zu simulieren. In der Realität besitzen etwa ein Fünftel aller Staaten keinen unmittelbaren Zugang zu den Weltmeeren. Allerdings braucht man keinen völligen Binnenstaat zu simulieren, um einen Landkorridor zu benötigen. Manche Länder erheben den Anspruch auf Landstreifen, um einen Zugang zu schiffbaren Binnengewässern zu erhalten.

    Ecuador erhebt Anspruch auf ein Stück Land im Norden des Nachbarn Peru, um Zugang zu einem Oberlauf des Amazonas zu erhalten.

    Ein europäisches Beispiel ist der "Danziger Korridor" im Jahr 1918, der vom französischen Marschall Foch als Ursache des nächsten Krieges vorrausgesehen wurde.


    2. Konflikte um natürliche Grenzen
    Die Grenzziehung anhand natürlicher Landschaftsmerkmale ist gängig, aber nicht unproblematisch. Punkt 2 bezieht sich auf eine zwischenstaatliche Grenze, die anhand einer Wasserscheide definiert wurde. Erosion und andere geomorphologische Prozesse können die Landschaft derartig stark verändern, dass sich die Wasserscheide deutlich von der ursprünglichen Grenze verschiebt.

    Als Beispiel dafür lässt sich eine jahrzehntelange Grenzstreitigkeit zwischen Argentinien und Chile nennen: 1871 vereinbarten beide Länder einen Grenzverlauf entlang einer vermeintlichen Wasserscheide. Erosion hatte diese allerdings weit nach Osten verschoben. Erst 1966 wurde eine Grenze vereinbart, die für beide Seiten annehmbar war.

    Problematisch ist ebenfalls die Grenzziehung entlang von Flüssen (3). Der Unterlauf verändert sich, insbesondere bei mäandrierenden Flüssen kontinuierlich, sodass sich schon nach kurzer Zeit Flussverlauf und ursprüngliche Grenze deutlich unterscheiden können. Ebenso kann die Grenzziehung auf Seen anhand der Medianlinie (4) zu Spannungen führen.
    Eine Ursache, die zunehmend an Bedeutung gewinnt, ergibt sich aus Flüssen, die mehrere Staaten durchfließen. Einer der größten Flüsse Woldoniens liegt stromabwärts in einem anderen Staat. Wasserentnahme, Staumauern und Verschmutzung können für Woldonien schwerwiegende Konsequenzen habe.

    Israel und seine arabischen Nachbarn streiten sich um das Wasser des Jordan, Indien und Pakistan um das Wasser des Hindus.

    3. Konflikte um Minderheiten
    Eine weitere geographische Konfliktursache spielt aktuell in der Ukraine eine entscheidende Rolle. In Punkt 6 besitzt Woldonien das gleiche Problem. Das Überlaufgebiet einer Minderheit des Nachbarstaates liegt auf woldonischem Territorium.

    Während der Kreml natürlich mit gepolitischem Kalkül handelt (vgl. Punkt 1), nutzt die russische Regierung eine starke russische Minderheit im Osten der Ukraine aus, um eigene Machtinteressen durchzusetzen. 1938 gab es eine ähnliche Situation, als Hitler in das Sudetenland einfiel, um die deutschsprachigen Gebiete mit Deutschland zu „vereinen“.

    In Virtual States sind es vor Allem Wolkowien und Burmekien, die grenzüberschreitende Minderheiten und deren soziale Folgen aussimulieren.

    Eine weitere Ursache wird in Punkt 7 deutlich: Das Heimatgebiet einer ethnischen Gruppe wurde zwischen Woldonien und seinem Nachbarland halbiert. Nicht zu unterschätzen sind die Probleme die sich aus jahreszeitlichen Wanderungen von Viehhirten ergeben, die dazu die Grenze überschreiten müssen (8 ). In erster Linie ein nationales Problem sind interne Separatistenbewegungen (9), die allerdings zu einem internationalen Problem werden, alsbald die Minderheit einen separatistischen Staat mit internationalem Status gründen.

    Beispiele aus der Realität sind die Basken in Spanien oder aktuell die Unabhängigkeitsbemühungen Schottlands.

    4. Weitere Konfliktursachen
    Eine weitere bedeutende Ursache für territoriale Konflikte sind international bedeutsame Ressourcen (10), die auf einem Staatsgebiet liegen. Das können seltene und strategische wichtige Bodenschätze wie Uran oder Erdöl sein, aber auch kulturelle Objekte.

    So herrscht ein Jahrhunderte andauernder Konflikt um Jerusalem, das wichtige religiöse Stätten des Judentums, des Islams und des Christentums beherbergt.

    Eine gegenläufige Ursache ergibt sich in Punkt 11. Woldonien ist seine Stadt A so wichtig, das es bereit ist hohe Anstrengungen zu unternehmen, um es zu schützen.

    Die Sowjetunion erhob beispielsweise Anspruch auf finnisches Staatsgebiet, um die zweitgrößte Stadt des Landes Leningrad vor Artillerieangriffen zu schützen.

    Abschließend soll der zwölfte Punkt stellvertretend für jene neue Gründe stehen, die zu neuen Ursachen für internationale Konflikte anwachsen. Atomkraft, künstliche Wolkenbildung, Düngung und Smog sind beispielhafte Produkte politischen Handelns, die sich nicht auf ein Staatsgebiet begrenzen lassen.

    Die Bundesrepublik entschied sich zur Energiewende, nachdem es in Japan zu einem Super-GAU kam, da die Sicherheit von Atomkraftwerken zunehmend angezweifelt wurde. Frankreich hält jedoch noch immer an der Atomenergie fest. Ein Unfall in einem französischen Reaktor würde allerdings auch zu dramatischen Problemen in den Nachbarländern führen, wie der Super-GAU von Tschernobyl zeigte.

    Quellen:
    Haggett, Peter: Geographie - Eine globale Synthese, Stuttgart 2004